Eine Definition von Virtuosität

Bei Musikern im Allgemeinen ist oft die Virtuosität ein besonderes
und herausragendes Element ihres Spiels. Wer sein Instrument auf eine virtuose Weise beherrscht, der beherrscht schnelle Tempi, komplexe Rhythmen und Abläufe und erntet dafür oft Applaus und Bewunderung.

Kritiker sagen dann oft, es gehe doch bei der Musik um andere Dinge und nicht darum, wie schnell und kompliziert jemand spielen könne. Das stimmt natürlich auf gewisse Weise. Andererseits gelangen auch nur die Musiker zu wirklich großer Berühmtheit, die ihre Virtuosität mit viel Musikalität und Gefühl verbinden können. Die, bei denen die Virtuosität zu einer Demonstration von Technik verkommt, die gibt es auch. Auch sie können eine gewisse Bekanntheit erlangen, aber nie auf die gleiche Art wie diejenigen, bei denen die Virtuosität nicht die Hauptrolle, sondern eine Rolle von vielen spielt.

Es ist aus meiner Sicht ein Fehler, Virtuosität auf der einen Seite und Musikalität auf der anderen Seite gegeneinander auszuspielen,

als ob das eine niemals gleichzeitig mit dem anderen existieren könnte. Es gibt unter allen Musikern die mit viel musikalischer Ausdrucksfähigkeit und die mit geringer, und das in Kombination mit allen Ausprägungen von Virtuosität .

Virtuosität ist oft ein Hingucker. Es macht Spaß virtuoses Spiel zu beobachten und zu hören, genauso wie es für den Musiker ein sichtbares Zeichen seiner Fortschritte ist, wenn er z.B. ein schnelles Tempo sicher beherrscht. Um seine eigenen Fortschritte an einem Aspekt festzumachen, eignen sich die Fortschritte im Beherrschen von Geschwindigkeit besonders gut, weil sie so offensichtlich und einfach zu erkennen sind. Fortschritte in anderen Bereichen wie Ausdruckskraft, Genauigkeit oder der Fähigkeit Zuzuhören springen nicht ganz so schnell und offensichtlich ins Auge wie die Schnelligkeit.

Ausserdem eignen sich Trommeln besonders gut für das Zeigen von virtuosen Fähigkeiten. Bei welchem Instrument sonst sind die Bewegungen des Musikers auch über eine größere Distanz so gut sichtbar wie bei Trommeln, insbesondere beim Taiko?

Und so kann es kommen, dass Taiko-Spieler sich zu sehr auf dieses eine Element der Virtuosität, der Schnelligkeit konzentrieren und dabei die anderen Bereiche zu sehr ausser Acht lassen. Es kann manchmal auch einfach zu leicht sein, mit Schnelligkeit Eindruck zu schinden.

Ich erinnere mich an 2 Konzerte von Kodo, die ich im Jahr 2005 gesehen habe, beide in Japan. In beiden Konzerten gab eine Stelle, an der eine Spielerin einen besonders schnelles Pattern mit überkreuzten Armen über mehrere Trommeln spielte. Dieses Pattern wiederholte sie mehrfach, es dauerte etwa 5-10 Sekunden.

Natürlich gab es an dieser Stelle spontanen (oder eigentlich passt besser: „geplanten“) Applaus. Es schien mir, dass diese Stelle in dem Stück tatsächlich als eine Stelle zum „Erhaschen von Applaus“ konzipiert worden war, und das fiel mir an ihr eben negativ auf. Die Stelle wirkte aufgesetzt und daher künstlich und nicht aus der Musik heraus entstanden, sondern in dem Willen, das Publikum zu beeindrucken.

Wenn also jemand eine virtuose Technik beherrscht, sollte er sie „musikdienlich“ einsetzen und sie nicht zum Selbstzweck werden lassen.

Nun haben wir bis hierhin den Begriff Virtuosität gleichbedeutend mit der Beherrschung von Schnelligkeit und Komplexität definiert, wie er auch bei Musikern im Allgemeinen verstanden wird.

Wie wäre es aber, wenn wir den Begriff einmal weiter fassen und nicht alleine eine schnelle Technik darunter verstehen? Wenn wir von einem Taiko-Spieler sprechen, könnte man doch einmal versuchen, nicht nur von Virtuosität im Sinne von trommeltechnischen Fähigkeiten zu sprechen, sondern von „Virtuosität im Herzen“. Nun, was soll das denn nun bedeuten?

Nun, es soll bedeuten, dass ein Taiko-Spieler mehr ist, als „nur“ ein „Musiker“ so wie er oft im Westen verstanden wird. Ein Taiko-Spieler sollte als gesamte Persönlichkeit gesehen werden, anstatt nur als Person, die ein Instrument beherrscht. Ein Taiko-Spieler kann also durch das Spielen der Taiko und das Interagieren mit den gemeinsam trommelnden Menschen an seinen Fähigkeiten im Umgang mit anderen Menschen arbeiten. Im Führen, im Zurücknehmen, im Übernehmen von Verantwortung, im Zuhören und im Verstehen, im Annehmen und Verändern.

Virtuosität im technisch-musikalischen Sinne ist dann wichtig für die Umsetzung musikalischer Ziele und kann auch wichtig sein für die Erzeugung einer ersten Aufmerksamkeit. Aber nur wenn dahinter mehr steht als „nur“ der sportliche Wettkampf- oder der Showgedanke, dann ist sie meiner Meinung nach gerechtfertigt.

Virtuosität an sich ist also weder gut noch schlecht, sondern es kommt darauf an, wie und wozu sie eingesetzt wird. Darüber hinaus plädiere ich für die oben beschriebene „Virtuosität im Herzen“.

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