Zeit und Raum

Dne… Dneprope… Dnepropetrovsk… heißt laut der Darstellung der Flugroute im Flugzeug die Stadt an der wir gerade vorbeifliegen. Ein faszinierender Zungenbrecher, der aber nicht direkt das erste Thema meiner Japanreise einleitet. Dafür übernimmt diese Aufgabe das Thema Fliegen, also die Bewegung durch den Raum, in diesem Falle in einem sehr schnellen Tempo.

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Durch einen interessanten Artikel in der FAZ bin ich auf das Thema Zeit und Raum und die Zusammenhänge zwischen diesen beiden Dingen gekommen. Z.B. ging es in dem genannten Artikel darum, dass wir sehr oft in der Sprache räumliche Begriffe nutzen, um zeitliche Zusammenhänge darzustellen.

Also z.B. „etwas hinter sich bringen“, oder sich „kurz vor einer Sache befinden“. Warum das so ist erklärt der Artikel damit, dass für uns der Raum viel besser greifbar ist als die Zeit, die sehr abstrakt und an sich nicht sicht- und hörbar ist. Raum ist hingegen viel besser sinnlich erfahrbar, daher nutzen wir in der Sprache räumliche Bilder für die Beschreibung der Zeit. Andersherum, also dass wir zeitliche Begriffe für die Beschreibung des Raums verwenden, das kommt in unserer Sprache so gut wie gar nicht vor. Ein sehr spannendes Thema wie ich finde.

In der Musik, wie ist es eigentlich da? Na ja, ohne Zeit wäre Musik ja nicht möglich. Ein Gemälde, könnte man denken, dass kann, zumindest dann wenn es fertig ist, auch ohne „Zeit“ existieren. Dieses Gedankenspiel funktioniert allerdings nicht mehr, wenn man einen Betrachter/Rezipienten miteinbezieht. Denn genauso wie ich für die Erfahrung von Musik Zeit brauche, nämlich genau die Zeit die mir durch die Musik vorgegeben wird (es sei denn ich entferne mich räumlich/drücke auf Stopp), so brauche ich auch für die Betrachtung eines Gemäldes Zeit, nur kann ich in diesem Fall die Zeitdauer der Betrachtung meistens selbst bestimmen.

Genauso wie Musik Zeit braucht, braucht sie auch den Raum. Schall braucht zu seiner Entfaltung Luft, und Luft kann nicht ohne den Raum existieren. Übrigens könnten ja auch Menschen nicht ohne Zeit oder Raum existieren und Artikel über das Thema Zeit und Raum schreiben. Aber bevor ich versuche, hier mit Einstein oder anderen berühmten Physikern in einen lächerlichen (weil geradezu laienhaften) Wettbewerb zu treten, bringe ich doch lieber noch ein wenig das Thema Taiko in Bezug zu Zeit und Raum.

Was passiert also beim Trommeln? Jede Art der Erzeugung von Klang und Musik hat eine physikalische Komponente, beim Trommeln* tritt diese Komponente besonders stark hervor.

(*Definition „Trommeln“: Zwei ausführende Schlagkomponenten (meist Hände oder Stöcke) werden in eine gewisse Entfernung zum klangproduzierenden Schlaginstrument gebracht um sie dann anschließend in Folge einer zum Instrument hin gerichteten Bewegung mit der Oberfläche des Instruments (häufig: „Trommelfell“) kollidieren zu lassen. Das auf diese Art in Schwingung gebrachte Fell bewegt Luftmoleküle und diesen Prozess sind unsere menschlichen Wunderwerke namens Ohren (meist: rechts und links an der Denkzentrale „Kopf“ angebracht) in der Lage für uns in Sinneseindrücke mit der Bezeichnung „Geräusche“ zu dekodieren. Erfolgen diese Geräusche nun in bestimmten zeitlichen Abständen und es kommen auch noch ggf. hochfrequente Schwingungen (Melodien und Harmonien) hinzu, setzt nun unser Gehirn diese Informationen im besten Fall in das um, was wir landläufig als „Musik“ bezeichnen.)

Im Gegensatz zum Spieler eines Streichinstruments, der den Bogen über die Saite streicht und dadurch erstmal einen dauerhaften Ton erzeugt, hat unser Stock meist nur kurzen Kontakt mit dem Trommelfell und erzeugt dadurch einen nicht dauerhaften, kurzen, einmaligen Ton, mit Nachklang wohlgemerkt. Durch diesen Ton wird wird die Zeit überaus deutlich markiert, deswegen gelten ja Trommeln auch als Rhythmusinstrumente, im Gegensatz z.B. zu den schon genannten Streichinstrumenten.

Kein Musiker kann ohne ein Gefühl für die Zeit auskommen, für Trommler gilt das gleiche, allerdings noch um ein vielfaches stärker. Kleinste Abweichungen, vor allem im Zusammenspiel mehrerer Trommler nimmt man viel schneller wahr, als wenn z.B. 2 Geiger einen langen Ton nicht exakt gleichzeitig beenden.

Zeit und Raum sind beim Trommeln so unglaublich eng verbunden, man müsste sie als Bruder und Schwester bezeichnen. Durch die Geschwindigkeit des Ausholens mit dem Stock und die Höhe der zurückgelegten Strecke im Raum bestimmt sich der Zeitpunkt des Zusammentreffens von Stock und Fell: Schlag. Der Raum bestimmt hier die Zeit, die Zeit gibt den Raum vor.

Schult Trommeln neben dem musikalischen Zeitgefühl auch das allgemeine Zeitgefühl im Alltag? Bringt Trommeln evtl. auch mehr Struktur in andere Bereiche des Lebens unabhängig von der Musik?

Eine interessante Frage wie ich finde. Ich versuche es hier mit einer Selbsteinschätzung: Ich schätze mich so ein, dass ich über ein recht gutes Zeitgefühl verfüge was den Umgang mit der Uhr angeht. Das bedeutet nicht, dass ich immer pünktlich komme, aber meistens. Es gelingt mir recht gut, eine halbe Stunde oder 1 Stunde während des Taiko-Unterrichts abzuschätzen. Allerdings schwankt hier natürlich meine subjektive Wahrnehmung der Zeit, je nach Art der Übung und Zufriedenheit mit der eigenen Unterrichtsweise.

Es wäre spannend zu wissen, ob ich über ein ähnlich gutes Zeitgefühl für größere Zeitabstände (man beachte die Verwendung von räumlichen Begriffen für die Zeit) verfügen würde, wenn ich gar nicht trommeln würde und keiner anderen rhythmischen Tätigkeit nachgehen würde. Aber das lässt sich jedenfalls in meinem Fall nicht mehr überprüfen.

Dass rhythmisch-musikalische Betätigung die Wahrnehmung kurzer Zeitabstände (im Sekundenbereich) schult, steht ausser Frage. Aber niemand fängt mit dem Trommeln an, weil er seine „Wahrnehmung kurzer Zeitabstände“ schulen möchte, Trommeln ist ja viel mehr als das.

Das Thema Raum Zeit ist unglaublich tiefgründig und kann viel Raum einnehmen, so dass man viel Zeit darauf verwenden kann, es vollständig zu erfassen. Deswegen ist dies hier nur der Anfang!

Nishnij Nowgorod, so heisst eine andere Stadt auf der Landkarte, deren Aussprache für mich etwas mehr Zeit in Anspruch nimmt. Diese Information bildet nicht viel mehr als einen Rahmen um das Gebilde dieses Artikels. Bis Japan ist noch etwas Zeit… und Raum… Raumzeit, Zeitraum, Reitzaum, Zautreim… Dnepropetrovsk!!!

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4 Kommentare zu „Zeit und Raum

    1. Der Cage war schon ein Hund, wie er seine Formexperimente auf die Spitze trieb. Wenn ich mir das schnellste Musikstück der Welt vorstellen müsste, dürfte das eigentlich nur aus einer unendlich hohen, nicht hörbaren Frequenz bestehen. Sehr schön ausprobieren lässt sich das übrigens mit einem elektronischen Metronom (z.B. als App), das man in völlig unrealistische Bpm-Zahlen hochschrauben kann. Was am Anfang noch nach einzelnen Klicks klingt, nimmt bei immer schnellerem Tempo, wenn man die einzelnen Klicks nicht mehr unterscheiden kann, eine bestimmte Tonhöhe an. Aus einzelnen“unmelodiösen“ Schlägen wird in wirklich großer Verdichtung ein „melodiöser“ Ton. Zumindest mit dem Metronom funktioniert das. Umgekehrt kann man sagen, wird aus einem dauerhaft erklingendem Ton ohne rhythmische Markierungen, wenn man ihn sich in extremer „Zeitlupe“ anhört ein gleichmäßiger Beat. Für mich beweist das übrigens die Einheit von Rhythmus und Melodie, zumindest im physikalischen Sinne!

  1. Toller Text! Macht hungrig auf eine philosophische Diskussion, zumal beide Komponenten auch unterschiedliche Möglichkeiten der Bewegung aufweisen. Der Raum lässt das „vor“ und „zurück“, das „oben“ und „unten“ zu, die Zeit ist eine Einbahnstraße, denn sie führt nur nach vorne. Es bleibt vielleicht noch der Blick zurück, der aber keine Optionen mehr bietet. So auch beim Trommeln: der Raum zum Trommeln bleibt, aber war an Ton entstanden ist, ist vergänglich, geschehen und es gibt keine Möglichkeit diesen selben Ton wieder zu spielen oder zu modifizieren. Wäre die Frage, ob der Raum erst der Zeit ihre Möglichkeiten bietet oder ob Zeit auch raumlos existieren kann. Hmmm. Wie auch immer – als Dein Artikel fertig war, war Dnepropetrovsk bestimtm schon wieder weit weg, räumlich und zeitlich gesehen…….Wie ´Spaß noch in Japan!!

    1. Danke für den Kommentar Olaf! Ja, das mit der Einbahnstraße bei der Zeit und der Möglichkeit von vor und zurück beim Raum ist ein interessanter Aspekt! Wobei ein Konzept von vorne und hinten vielleicht damit zu tun hat, dass sich unsere Augen nur auf der einen Seite des Kopfes befinden und wir meistens vorwärts laufen und der Körper daher unser Konzept von vorne und hinten prägt. Lässt man den Körper weg, sind ja alle Himmelsrichtungen so im Prinzip jedenfalls gleichwertig. Wobei dann befinden wir uns wieder auf einem Planeten der sich um die Sonne dreht, mann wird das kompliziert!

      Es gibt auch die Behauptung, die Vorstellung von Zeit sei nur eine Illusion. Aber wenn wir damit jetzt anfangen dann haben wir ne Menge zu schreiben. Danke nochmal für den Kommentar!

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