Baden und Bahn fahren – öffentliche Räume und Begegnungen in postmodernen Zeiten

Es sind diese kleinen Begegnungen die auf Reisen passieren, die mich schon lange fasziniert haben. Heute auf dem Weg zum Flughafen Tokyo Haneda: Ein kurzes Gespräch mit dem Taxifahrer über die Länge des Fluges nach Frankfurt (15 1/2 Stunden über Alaska und den Nordpol (!!!!!)) das ich dank wieder aufgefrischter Japanischkonfidenz innerhalb eines Monats problemlos führen kann. Oder die Auszubildende am Schalter der Lufthansa, (ach, plötzlich wird wieder mehr Personal benötigt 😏), die geduldig von ihrer Trainerin durch die einzelnen Schritte geführt wird. Ich gehe das Prozedere gerne und geduldig mit, weil sie ohne Kommentar meine 3kg Übergewicht akzeptieren (im Koffer!.. um keine Missverständnisse zu provozieren). Der ältere Herr nach dem Security-Check, der mich anspricht und um die Teilnahme an einer Umfrage für die japanische Tourismusbehörde bittet, die ich gerne mitmache.

Diese Begegnungen sind so rar geworden in den letzten 2 Jahren ohne Reisen. Und ich kann sie auf Reisen irgendwie leichter erleben als im Alltag zu Hause, egal ob pandemische Zeiten oder nicht. Dabei weiss ich eigentlich, dass wenn ich häufiger mit einer gewissen Achtsamkeit, Ruhe und der Abwesenheit eines „Planungs- und Arbeitsmodus“, also ohne Ziel durch den Alltag in Deutschland gehen könnte, dass ich dann auch dort öfter solche Begegnungen haben könnte. Ich behaupte aber, es ist leichter in Japan diese Begegnungen zu erleben. Warum?

Beispiele: Die ältere Dame, Inhaberin eines Souvenierladens in der Narai-Juku, einer langen historischen Straße in den Bergen Naganos, die einen auf einen Tee in den Laden einlädt und uns so erfolgreich ihre leckeren Sembei (Reiskekse) verkauft. Der sehr freundliche Koch und Restaurantinhaber in Shiojori, ebenfalls Nagano, der einen kleinen Smalltalk beginnt mit der Frage, wo ich denn her käme (nicht im Ansatz ist dies eine rassistische Anmaßung, wie es manche Leute in diesen Tagen behaupten, sondern ganz einfach im Falle von Japan eine aufrichtige menschliche Kontaktaufnahme aus reiner Neugier, da ich nicht so aussehe wie 99% der Menschen, die hier leben. Damit sage ich nicht, dass dies in anderen Situationen nicht auch anders gemeint sein kann).

Die vielen Servicekräfte, die einem in Japan den Weg weisen. Ein Land in dem auch immer mehr Automatisierung und Maschinen die vielen alltäglichen Dinge erledigen (besonders aufgefallen ist mir das an den vielen neuen Selbstbedienungs-Supermarktkassen). Dieses Land erlaubt sich immer noch eine große Zahl von Parkplatzeinweisern und „Empfangspersonal“ (mangels eines besseren Worts), nicht nur im Hotel, sondern an jeder erdenklichen Ecke. Und wenn es nur das kurze Nicken ist, mit dem man sich gegenseitig kurz begrüßt, sich entschuldigt, sich gegenseitig wahrnimmt. Diese kleinen Begegnungen geben mir das Gefühl, mit anderen Menschen in Verbindung zu stehen, sei die Begegnung noch so oberflächlich. Wie wenig habe ich davon in den letzen Jahren in Deutschland erlebt… totale Mangelware! Und nicht nur wegen Corona, der Trend immer weniger Personal bei alltäglichen Erledigungen anzutreffen ist ja auch in Deutschland schon länger ganz stark zu bemerken.

Aber es geht nicht nur um Personal und Dienstleistungen im Alltag. Es geht auch um alle andere Menschen, denen wir begegnen oder nicht begegnen.

In Nagano im Hotel, einem Hotel im traditionell japanischen Stil, gehört zur Standardausstattung ein von den Hotelgästen gemeinsam genutztes Bad, wenn nicht aus einer natürlichen heißen Quelle gespeist (Onsen), dann wenigstens mit normalem Wasser betrieben. Viele Zimmer haben auch eine eigene Badewanne bzw. Dusche, wenn man dies bevorzugt, also ist die Nutzung des gemeinsamen Bades freiwillig. Aber das gemeinsame Bad ist viel größer (in diesem Fall für ca. 4-6 Personen), heißer (angenehme 41-42 Grad) und oft auch auch zumindest mit dem Blick auf einen kleinen japanisch gestalteten Innenhofgarten ausgestattet. Also neben dem Ankurbeln der Durchblutung, ganz ohne Sport, erfüllt das Baden in einem Ryokan auch die Funktion der Entspannung für die Augen, durch manchmal sehr schön (manchmal weniger schön) gestaltete Baderäume und Außenbereiche.

Wie es sich für‘s Baden gehört, macht man dies natürlich ohne Badehose, ganz traditionell, für manche beruhigend sei dazu gesagt, dass die Badebereiche für Männer und Frauen getrennt sind. Also wäscht und duscht man sich vorher sitzend an einem der vielen vorhandenen Waschplätze und steigt dann gesäubert in das Bad. Und öfter habe ich es erlebt, nicht immer, dass man mit anderen Badegästen ins Gespräch kommt (wenn ich das Wort „Badegäste“ in Deutsch schreibe, dann passt das gar nicht, weil dann denke ich an Sonnencreme und Pommes – ganz anders). So ungefähr, wie man sich vielleicht die alten Römer vorstellt, wenn sie stundenlang Schach spielend (gab’s damals schon Schach?) oder plaudernd in ihren öffentlichen Bädern saßen. Ein öffentliches Forum, in dem man sich körperlich begegnete, in dem man den anderen Menschen in ihrer pursten Form und Blösse begegnet ist. In dem man deswegen respektvoll miteinander gesprochen hat, über Unterschiede hinwegsehen konnte, verschiedene Meinungen aushalten konnte, etwas dazulernen konnte… ich war damals in Rom nicht selbst dabei… aber ich gehe mal stark davon aus, dass es in etwa so war. Und wo gibt es sowas heute noch? In Japan, ja ganz genau! Vielleicht noch in der deutschen Sauna oder im FKK-Club? OK, da gehe ich nicht regelmäßig hin, keine Erfahrungen zu berichten. Aber egal ob man beim Baden ins Gespräch kommt oder nicht, die körperliche Begegnung ist unersetzbar (muss nicht nackig sein!), um sich gegenseitig als Menschen wahr zu nehmen, Unterschiede zu überbrücken und letztendlich eine „gesunde“ Gemeinschaft und Gesellschaft zu schaffen.

Und wo gibt es dies alles nicht? Im Internet und in sozialen Medien insbesondere, weil wir dort auf Abstraktionen unserer komplexen Persönlichkeit reduziert werden… und zunehmend in unserem alltäglichen Leben, wie ich oben beschrieben habe. Corona-Maßnahmen, die Menschen physisch trennen und sich gegenseitig zur Gefahr erklären… sind nicht hilfreich um ein Gemeinschaftsgefühl zu erhalten oder zu verbessern. Und sorry Leute, das Internet ersetzt das NICHT! Das Internet verbindet uns höchstens mit unserer „Filterblase“, zumindest wenn wir uns nicht bemühen, aus verschiedenen Quellen verschiedene Meinungen und Positionen einzuholen, diese zumindest wahrzunehmen und im besten Falle alle kritisch zu hinterfragen. Das hieß mal früher ganz naiv Medienkompetenz oder so. Das Internet an sich ist natürlich nicht böse, genauso wenig wie Zeitungspapier, aber man muss sich dort am Besten mit allen Positionen auseinandersetzen, die die einem gefallen und die die einem weniger gefallen. Den dummen und den intelligenten Äußerungen. Genauso wie in einem öffentlichen Bad.

– Atempause –

Es wird in Japan nicht nur öffentlich gebadet, es wird dort auch sehr viel Bahn gefahren, beides fängt mit „Ba“ an, deswegen dachte ich, es reimt sich und eignet sich schön für diesen Blogpost. Auch beim Bahn fahren erleben wir uns alltäglich in einem öffentlichen Raum (hoffentlich auch wieder irgendwann ohne Maske). Und wenn wie in Japan auch Geschäftsleute und Manager die Bahn nehmen, weil es halt in einer Megametropole wie Tokyo oft der schnellste und einfachste Weg an den Arbeitsplatz ist, anstatt im BMW über die Autobahn zu heizen, dann beugt das auch der Wahrnehmung der Aufteilung der Gesellschaft in unterschiedlichen Klassen vor. Wir verlieren so viel davon, je mehr wir im Internet bestellen, je häufiger wir die SB-Kasse im Supermarkt nutzen, je häufiger wir den „Bag Drop“ am Flughafen selbst erledigen, unsere Behördengänge online machen, im Home Office arbeiten, in Autos durch die Gegend fahren… uns mit dem Scrollen durch Social Media-Feeds betäuben, „Social Distancing“ betreiben. Es ist ein schleichender Prozess, aber er wird deutlicher denn je, mit Turbo-Boost durch die Reaktionen auf Corona. Und mein Besuch in Japan hat mir diesmal sehr deutlich gemacht, wie sehr gewisse Dinge in der japanischen Kultur und Alltagswelt (hallo Mr. Parkplatzeinweiser) diesem Prozess immer noch vorbeugen, trotz manch anderer übertriebener Reaktion auf dieses Virus wie der Abschottung des Landes oder Maskentragen draußen, auf dem Fuji, oder einem einsamen Ruderboot auf einem See. Und diesen Unterschiede habe ich noch nie so stark erlebt wie jetzt.

Bitte bitte Japan, neben all deinen schwierigen Seiten und allen „westlichen“ Einflüssen, bitte erhalte dir diese respektvollen, zuvorkommenden und körperlichen öffentlichen Räume und Maßnahmen um anderen Menschen zu begegnen, sie sind das A und O für den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Und bitte Deutschland, schaut euch was ab! Vielleicht müsst ihr nicht eine schlecht bezahlte Arbeitskraft mit Uniform und Leuchstab neben eine chirurgisch verkleidete Rolltreppen-Baustelle in der U-Bahn stellen, so wie ich das oft in Tokyo gesehen habe, die den Fahrgästen sich für Unnannehmlichkeiten entschuldigend den richtigen Weg weist, aber vielleicht könnten wir es schaffen, dass es in Deutschland Selbstständigen leichter gemacht wird, ein kleines Geschäft zu eröffnen – als Gegengewicht zu Amazon, oder dass hier und da doch noch eine Person anstelle eines Computers beschäftigt wird, einfach wegen der persönlichen Ansprache, oder es mehr Nachbarschaftsfeste oder echte Streitkultur in Talk Shows gibt, etc etc… ich hoffe das Beste! Und es hilft, wenn sich alle mal gelegentlich die Klamotten ausziehen 

Bye bye Japan!

Links zum Thema:

Ein Interview mit Tristan Harris, ehemals bei Google beschäftigt, jetzt ein Kritiker der schädlichen Mechanismen von Sozialen Medien. Englisch, für Fortgeschrittene:

Ein Kommentar im NDR, mit der Aufforderung „Runter von der Couch“, der die erst halbvollen Veranstaltungen in Hamburg bemängelt und das öffentliche Zusammenkommen als sehr wichtig für gesellschaftlichen Zusammenhalt betont:

https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Kommentar-Runter-von-der-Couch,hamburgkommentar680.html

Besuchstag in einer japanischen Grundschule

Heute war Besuchstag für Eltern in der Grundschule der Kinder. Das war schon sehr interessant!

Erstmal ist die Tatsache interessant, dass die Schule sich derart öffnet und die Eltern sogar einer Unterrichtsstunde beiwohnen können. Dies findet hier regelmäßig statt und ich finde es toll, dass die Eltern so direkt einen Einblick in den Unterricht und den Schulalltag bekommen können. Mein Eindruck ist, dass in Deutschland doch sehr stark hinter verschlossenen Türen gearbeitet wird und man sich nicht so in die Karten schauen lassen möchte. Vielleicht wird dieser Eindruck dadurch verstärkt, dass meine Kinder gerade in der Corona-Zeit in die Schule gekommen sind und so dann ziemlich alle besonderen Aktivitäten in der Schule, denen Eltern sonst beiwohnen bisher ausgefallen sind. So quetscht sich hier, ganz Corona-fern jeweils ein Elternteil der 33 Kinder in einer Klasse in den Klassenraum und kann zusehen, wie so eine Schulstunde abläuft. Das schafft Vertrauen in die Arbeit der Schule, Transparenz und es bezieht die Eltern einfach mit ein. 

Die Grundschüler, die hier gerade mal seit einer Woche zur Schule gehen, bekommen einen kleinen Aufgabenzettel, den sie bearbeiten sollen.

– Ihren Namen schreiben

– Mit ihrer Lieblingsfarbe/n einen Kreis ausmalen

– Ihr Lieblingsessen malen

– „Wenn ich groß bin, möchte ich…“ malen

Wichtig und interessant für mich: Die Lehrerin hat eine übergroße DinA1-Version des Aufgabenzettels parat und erklärt anhand dieses Zettels die Aufgaben. Dabei malt sie zu jeder der Aufgaben ein Beispiel. Die Aufgabe wird also nicht nur mündlich erklärt, was vielleicht in Deutschland so gemacht würde wo wir eine weniger starke visuelle Kultur haben, sie wird auch praktisch vorgemacht. Dies spiegelt meiner Meinung nach einen großen Unterschied in den Lernkulturen wieder und macht die Aufgabe für die Kinder ganz bestimmt leichter nachvollziehbar.

Dann bekommen die Kinder Zeit um ihre Zettel zu bearbeiten und im Anschluss können einzelne Kinder nach vorne kommen und ihre Zettel präsentieren. Dabei zeigen sie ihren Zettel, stellen sich vor und sagen ihre Lieblingsfarbe, ihr Lieblingsessen und ihre Vorstellung von ihrer Zukunft. Dabei üben sie etwas, dass ich ebenfalls oft in Japan beobachtet habe, nämlich öffentlich, vor einer Gruppe anderer Menschen zu sprechen. Dies wird regelmäßig geübt und formalisiert, so dass die meisten Japaner wenn sie erwachsen sind nicht so oft in „Fremdschämsituationen“ kommen wenn sie etwas präsentieren oder eine öffentliche Ansprache halten, sondern das schon hunderte Male in ihrer Schullaufbahn gemacht haben. Ich hätte mir in meiner Schulzeit so etwas häufiger gewünscht! Und so wird nicht nur das öffentliche Reden hundertfach eingeübt, sondern auch viele andere „Kulturtechniken“ und Verhaltensweisen, die dafür sorgen, dass es in diesem Land vieles sehr effizient, gut organisiert und rücksichtsvoll im Bezug auf die Mitmenschen abläuft. Dass das aus der deutschen Sichtweise oft auch befremdlich, skurril und auch unnötig aufwändig anmutet, ist keine Frage!

Zum Abschluss der Stunde gibt es noch eine kleine rhthmische Klatschübung, bei der die Lehrerin einige Rhythmen vorklatscht und die Kinder nachklatschen. Hallo? Das könnte aus einer Taiko-Übungsstunde kommen. Das wird hier in der Grundschule mal so zur Auflockerung gemacht? Kein Wunder, dass wenn hier jedes Kind schon in der Grundschule mal so beiläufig mit Rhythmus in Kontakt kommt, (und nicht nur irgendeinem speziellen Musikunterricht mit einem hoffentlich motiviertem Musiklehrer Jahre später) es dann den Japanern leichter fällt, mal eben so einen Rhythmus nachzutrommeln. Also, mit völlig anderen (und damit sage ich nicht automatisch „besseren“) Voraussetzungen in der Kultur, im Bildungssystem und der Weitergabe von Kulturtechniken ist es kein Wunder, dass auch Taiko in Japan völlig anders gelernt und weitergegeben werden kann.

Tempura-Soba

Heute Abend habe ich mir die Tawoo-Übung zu Wanoichi angeschaut und dabei viele Notizen und Gedanken gemacht. Demnächst dann fließen diese Dinge in das Stück ein.

Es überkam mich nach dem Trommeln noch ein gewisser Hunger und ich überlegte, anschließend noch ein wenig etwas zu essen. Ich steuerte „First Kitchen“ in Roppongi an, eine japanische Fast-Food-Kette, die aber ganz aus Prinzip der in Japan geliebten kulinarischen Abwechslung und Vielfalt eine Riesenauswahl an verschiedenen Burgerarten hat. Ich fand aber nicht etwas das mir gefiel, also machte ich 2 Schritte weiter nach rechts und stand vor einem Soba-Laden japanischer Art. Bitte lieber Gott, lass niemals Mc Donalds & Co. diesen Läden den Rang ablaufen, sie sind einfach zu gut. Vorne kauft man sich an einem Automaten gegen Bargeld für in diesem Fall 460 Yen (aktuell 3,36€!) ein Ticket aus einer reichhaltigen Auswahl an Soba und Udon-Kombinationen, gibt dies dem Mann hinter der Theke und hält nur 1 Minute eine warme Schale mit Soba-Nudeln und Tempura in der Hand. Großartig!

Über den Wolken

Es ist diese Aussicht die ich über 2 Jahre vermisst habe! Ich bin gerade das erste Mal seit Beginn des Corona-Zeitalters abgeflogen und es fühlt sich fast an wie das erste Mal Fliegen. Ich weine, so glücklich bin ich gerade, wieder die Welt sehen zu können, die Welt außerhalb von Hamburg (auch Hamburg gehört zur Welt!).

Dies ist Freiheit, dies ist die Freiheit die wir als Menschen brauchen! Ich kann sie nicht symbolischer zum Ausdruck bringen als mit dem Bild über den Wolken. Ich bin überglücklich!

Ich bin seit meiner frühen Kindheit sehr häufig geflogen. Da meine Mutter auf einer Farm in Kanada aufgewachsen ist, hatte ich in Kanada und habe ich immer noch eine sehr große Verwandschaft. Lange Flugreisen kamen daher für uns häufiger vor. Und sie waren als Kind keineswegs Routine, sondern sie haben immer einen ganz besonderen Eindruck bei mir hinterlassen.

In den letzten 20 Jahren, seit ich (grob gesehen) erwachsen bin, hat sich das Reisen, ganz besonders wenn es mit Fliegen verbunden war, als – ganz im Sinne des Wortes – Erweiterung meines Horizonts angefühlt. Die Möglichkeit, mich über die Wolken zu erheben, dorthin wo die Sonne immer scheint (es sei denn man fliegt nachts, aber da scheint ja manchmal der Mond, der von der Sonne angestrahlt wird), heraus zu zoomen von vom kleinteiligen Leben auf der Erde und ein größeres Bild zu sehen, diese Möglichkeit hat immer meinen Geist in Bewegung gebracht. Das hat sich nicht geändert trotz der lieblosen, inzwischen fast vollautomatischen Abfertigung, den Billigpreisen, den Massen an Menschen die fliegen (mit einer kleinen 2-jährigen Zwangspause) und den Shopping Malls durch die man genötigt wird durchzugehen, um zum Flugzeug zu gelangen. Es bleibt ein toller, wenn auch nicht besonders klimafreundlicher Start in eine Reise.

Kann ich eigentlich die vielen Fahrten zur Arbeit in Hamburg, die ich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder der Bahn zurückgelegt habe anstatt mit dem PKW mir irgendwie auf meine Klimabilanz anrechnen lassen? Zumindest brauche ich nur ein minimal kleineres schlechtes Gewissen zu haben wenn ich ins Flugzeug steige als die notorischen Autofahrer, die hier vermutlich in großer Zahl im Flugzeug um mich herum sitzen (wenn man denn überzeugt sein sollte, dass ich Abbitte leisten muss, weil ich ins Flugzeug steige, wo ich mir selbst nicht so ganz sicher bin).

Nun denn, ich nähere mich Frankfurt und werde dann in ein Flugzeug steigen, dass mich nach Tokyo bringt, mit einer auf 13 Stunden verlängerten Flugzeit wegen eines Umweges um Russland herum, wegen des Krieges, mit Maske im Gesicht, mit einem negativen PCR-Test im Gepäck, für die Einreise nach Japan, mit einem speziellen Visum für die Einreise in Japan (das ich mit vielen eingereichten Dokumenten nur bekommen konnte, weil ich Familie in Japan habe (ja, nicht nur Kanada)) und mit einer App der japanischen Einreisebehörde auf dem Handy, in der ich schon vorab alle meine Informationen, Dokumente und Fragebögen zur Verfügung gestellt habe, um dort eine kürzere Einreiseprozedur zu haben. Japan weiss jetzt alles über mich, inklusive der Kleinstlebewesen in meine Atemwegen. In Quarantäne muss ich dort inzwischen nicht mehr, standardmäßig wurde die vor einigen Wochen abgeschafft… es sei denn ich stecke mich noch auf dem Flug bei einem Sitznachbarn an und werde nach der Ankunft positiv getestet.

Na ja, das Fliegen war schon mal einfacher! Im Moment könnte es aber, nach diesen 2 Jahren nicht schöner sein!

Nachtrag:

Das Flugzeug macht gleich eine sehr scharfe Linkskurve… nein natürlich nicht. Hier ist nur die Standard-Flugroute nach Japan über die Ukraine und Russland eingestellt und das „Navi“ „versucht“ nur seinen Weg auf die normale Flugroute viel weiter nördlich korrigieren… aber die Piloten fliegen ja zum Glück nicht mit Google Maps auf dem Handy. Natürlich ist der Anlass für diesen Knick in der Flugroute ein schrecklicher, und ich schaffe es zur Zeit gar nicht mal, mir die Nachrichten über den Krieg in der Ukraine im Detail anzuschauen… solch menschliche Tragödien finden dort statt, in Europa, nur 2 Länder und etwa 1500km von uns entfernt. Und umso krasser ist auch der Gegensatz, hier oben sicher – zwar nicht über diesen Krieg – aber an ihm vorbei zu fliegen. Wenn ich nach links aus dem Fenster schaue, „sehe“ ich in gewisser Entfernung Menschen sterben und ihre Heimat verlieren, es ist nur durch die Wolken verdeckt, die Vorstellung ist… schrecklich.

TAO und TAIKO II

Gestern habe ich diesen wunderbaren Film auf Youtube gesehen, über einen jungen Briten, der sich mit dem Zug von Bristol in England auf den Weg bis nach China in die Wudang-Berge gemacht hat, um dort bei einem taoistischen Meister zu lernen, über die Natur des Lebens, Tai Chi, Qi Gong und Meditation.

Erstmal fand ich es sehr beeindruckend, wie es heute möglich ist, dass fast jeder, der genug Zeit und Know How investiert so einen Film machen kann, ausgestattet nur mit ein paar nicht wahnsinnig teuren Kameras, einer Drohne und einem Laptop. Das wird erst durch die technische Entwicklungen der letzten 5-10 Jahre in dieser Art möglich und zeigt, wie schon auch in der Musikproduktion, den demokratisierenden Effekt dieser Entwicklung. Und es bedeutet, dass es jetzt schon eine Vielfalt an Filmen über spezielle Interessen und Themen gibt, die es früher so nie gab, jederzeit und meist sogar kostenlos verfügbar dort wo es Internet gibt. Toll (und unglaublich zeitfressend zugleich).

Mich hat Asien schon früher sehr fasziniert. Was das genau war, ist nicht so leicht zu sagen. Aber so richtig wurde das ausgelöst durch meine erste Reise nach Asien überhaupt, nach Japan im Alter von 19 Jahren. Ähnlich wie in „Journey to then East“ fühlte es sich schon nach einem Abenteuer an, in so ein anderes Land, eine andere Kultur zu reisen, auch wenn man im Jahr 1998 nun schon längst kein Marco Polo mehr dafür sein brauchte, sondern nur 11 Stunden Economy mit der Lufthansa oder British Airways auf sich nehmen „musste“. Aber egal, wie „profan“ es heute ist, mit dem Flugzeug um die Welt zu reisen, es geht um das innere Abenteuer, das ich dann besonders leicht erleben kann, wenn sich die äußere Welt verändert. Der junge Filmemacher und Student des Dao in dem Film machte sich im Vergleich zu mir mit dem Zug auf den Weg und geriet dabei nach einem Stopp in Sibirien mitten in die Corona-Krise in China hinein, was auch schon ein interessanter, sehr aktueller Aspekt in diesem Film ist. Aber beim Sehen des Films, fühlte ich mich mit diesem Filmemacher verbunden. Denn auch ich in bin in jungen Jahren in den Osten gereist, habe dort meine „Meisterin“ gefunden und versuche nun im Westen zu vermitteln, was ich dort erlebt und gelernt habe… was überhaupt nicht leicht ist, da ich nicht das Können und die Zeit habe, so einen beeindruckenden und schönen Film zu drehen und auf Youtube zu stellen. Ich unterrichte Taiko und schreibe ab und zu ein bisschen was in diesen Blog, das sind meine Kommunikationsmittel.

Tawoo, dieser Taiko Dojo in Japan, zu dem ab 2004 gegangen bin, trägt ja auch dieses Tao in seinem Namen. Und das nicht per Zufall. Kaoly war bevor sie mit dem Taiko anfing Akupunkteurin und in ihrer Ausbildung hat sie ganz sicher zwangsläufig vieles über diese sehr alte chinesische Philosophie gelernt. Aber, und das ist mir wichtig zu betonen, Kaoly ist die undogmatischste und pragmatischste Lehrerin, die ich mir vorstellen kann. Das ist mir einfach wahnsinnig wichtig, weil jedes Gedankenpaket, jede Sammlung an Ideen schnell Gefahr läuft zu einem starren, religiösen oder ideologischem System zu werden. Selbst im Namen des Buddhismus, der ja im Westen als sehr sanft und friedlich bekannt ist und der mich auch schon lange interessiert hat, geschah historisch gesehen auch Unrecht. Also gibt es eine sanfte Philosophie oder Religion, die flexibel genug ist, undogmatisch, frei und tolerant, die vieles offen lässt, aber dennoch genug Wert und Weisheit beinhaltet, dass man daraus einen Nutzen ziehen kann? Vielleicht ist das beim Taoismus der Fall! Wobei hier aber bestimmt gleich ein Historiker aufspringt und sagt, „aber im 2. Jarhundert gab es den oder den von Taoisten angezettelten Krieg…“. Bestimmt!

Aber wir können auch nicht etwas grundsätzlich ablehnen, weil es schon einmal missbraucht wurde, wenn wir von der Sinnhaftigkeit der ursprünglichen Idee überzeugt sind.

Zurück zu Tawoo und Kaoly: Niemals hat sich ihr Unterricht im geringsten nach Religion angefühlt, am ehesten vielleicht noch bei ELEVEN. Kaoly ist fest im „ganz normalen“ Leben verankert und verfolgt dabei doch eine Vision. Beim Sehen des Films fiel mir auf, wie viele Elemente aus der taoistischen Philosophie ich in ihrem Taiko-Unterricht finden kann:

  • die Verbindung zur Natur bzw. zum Natürlichen
  • alles steht miteinander abhängig in Verbindung
  • der Dualismus, oder man kann auch mit musikalischen Worten sagen, die Kontraste, die Dynamiken zwischen laut und leise, weich und fest, schnell und langsam…
  • die Balance, und zwar wirklich im physischen Sinne: Beim Trommeln arbeiten wir viel daran, den Körper in eine gewisse Balance zu bringen, wodurch das Trommeln viel leichter werden kann und sich besser anfühlt
  • Zurückgehen zum Ursprung, also die kindliche Freude, der Spaß, die Leichtigkeit. Wenn man Kaoly und viele der anderen Mitglieder von Gocoo und von Tawoo kennengelernt hat, dann hat man ein Beispiel davon, wie schön es sein kann, auch im hohen Alter die erlernte „soziale Persönlichkeit“ abzulegen und einfach wieder frei wie ein Kind sein zu können.

Der junge Filmemacher stellt die Frage: „Can Taoism change the world?“. Ich würde nach meinen Erfahrungen und nachdem wie ich den Tawoo Dojo erlebt habe sagen: Ja! Nur fürchte ich, dass er eben als „sanfte Philosophie“ nicht die Chance hat, größere Bevölkerungsgruppen zu vereinnahmen, und genau das wäre ja auch etwas „unheimlich“. Aber im Individuum, bei mir selber und bei vielen anderen haben diese Ideen schon viel Positives bewirkt, und das ist ja der Anfang für Veränderung, auch im größeren Maßstab.

Übrigens, vor etwas mehr als 10 Jahren habe ich schon mal etwas über Tao geschrieben und gerade fiel mir auf, dass ich meinem neuen Artikel genau den gleichen Titel verpasst habe, also habe ich diesem hier noch eine „II“ hinzugefügt…