Echter Crossover! Mit PentaBlue beim WDR

Als ich diese Zeilen schreibe befinden sich Daniel und ich schon seit mehr als einer Woche in Köln, für Proben für das Konzert „PentaBlue – Musik der Farben“, das am 08.10. im Kölner Funkhaus des WDR stattfindet. Wir spielen als Gäste mit der Band PentaBlue, bestehend aus Takashi Bernhöft (Solo-Violine und Komponist aller Stücke), Frank Itt (E-Bass), Friso Lücht (Keyboards), Mario Argandoña (Drums, Percussion), Tony Clark (Shakuhachi, E-Gitarre), Makiko Goto (Koto) und Stephan Langenberg (Bandoneon). Diese Band hat zuerst 5 Tage nur als Band geprobt und ist dann am Montag dieser Woche mit dem WDR Rundfunkorchester „zusammengestossen“ das für dieses Projekt von Bernd Ruf geleitet wird.

Die Musik, die Takashi Bernhöft (der eine japanische Mutter und einen deutschen Vater hat und in Deutschland aufgewachsen ist) für dieses Konzert geschrieben hat ist eine wirklich bunte Mischung aus Rock, Jazz, Tango, klassischen Einflüssen und einer großer Portion japanischer Ideen und Sounds. Geht man nach Takashi, entzieht sich die Musik allerdings jeder Kategorisierung und ist wirklich wahrer Crossover, in dem die unterschiedlichsten Musiker und Musikstile zusammenkommen.

Daß das wirklich der Fall ist, merkten wir schon gleich am ersten Tag in der Bandprobe. Frank am Bass und Mario am Drumset sind richtige „Groover“, für die Timing wirklich eine unglaublich wichtige Rolle spielt. Im Taiko, das mit dem ganzen Körper gespielt wird und nicht nur aus dem „Handgelenk geschüttelt“ wird, spielt natürlich das Timing und das Zusammenspiel eine große Rolle, es müssen aber nicht die Schläge aller Spieler immer wie ein Uhrwerk aufeinander sitzen. Für einen Drummer und einen Bassisten, gerade wenn sie in einer Liga spielen wie Frank und Mario ist das aber ganz essentiell.

So waren die ersten Probentage viel davon geprägt, den Groove unserer Taikos dem Groove der Band anzupassen. Aber ein anderes Haupthema der Proben war, was wir überhaupt spielen würden, denn die Taiko-Parts waren nur als „Ideen“ auf einem Demo festgehalten worden, und der Unterschied von einem Demo zur real umgesetzten Musik ist wie wir feststellten doch sehr groß. Zudem gab es für das Orchester natürlich Noten und für die Band Leadsheets (hauptsächlich Takte und Akkorde als Orientierung). Also mussten wir von der Idee, die meisten Stücke ohne Noten auswendig zu spielen sehr schnell abrücken, auch wegen großen Anzahl von 14 Stücken. Je mehr die Probentage aber voranschritten, groovten wir uns mit der Band ein und bekamen ein besseres Gefühl für die Musik.

So war die Band also nach 5 Tagen schon ein ganz gut eingespieltes Team das dann am Anfang der nächsten Woche im Kölner Funkhaus mit dem Orchester und dem Dirigenten zusammentraf. Und man kann sagen, es war fast wie ein Neustart. Zwar hatten wir uns in den Bandproben schon darauf eingestellt, wesentlich leiser als sonst zu trommeln, nun mussten wir uns aber nochmal weiter reduzieren. Bei Taiko, das von der physischen Präsenz der Spieler lebt ist es natürlich im ersten Moment besonders bitter, die durchschnittliche Spielhöhe so niedrig zu halten, daß man kaum noch etwas von den Bachi sieht. Mit fortschreitender Probenzeit freundeten wir uns aber immer mehr mit dem Gedanken an, daß der Gesamtsound am Ende natürlich die erste Priorität ist und es keinen Sinn macht das ganze nur aus der Taiko-Sicht zu sehen.

Aber nicht nur Daniel und ich mussten so leise spielen wie noch nie, auch die ganze Band regelte sich soweit herunter, daß nur ein Bruchteil des originalen Rocksounds übrig blieb. Das Funkhaus des WDR ist für akustische Instrumente ausgelegt und die unterschiedlichen Lautstärken zwischen Band und Orchester stellten bei diesem Projekt somit eine große Herausforderung dar.

Was mir insbesondere bei den Proben mit dem Orchester bewusst geworden ist, ist der Unterschied zwischen der abendländischen Musikkultur und Rock und Jazz, die ich hier mal einfach auch noch mit Taiko (speziell in dem Stil den wir spielen) in einen großen Topf werfe. Diese grobe Vereinfachung sei einmal erlaubt. Orchestermusiker (gerade in diesem Fall) scheinen es gewohnt zu sein, viel Material in kurzer Zeit zu üben und spielen in der Regel nur nach Noten. Sie lesen also meistens alles was sie spielen in genau diesem Moment vom Notenblatt ab. Ausserdem verlassen sie sich beim Zusammenspiel fast blind auf den Taktschlag des Dirigenten. Ihre Augen kleben also sowohl am Notenblatt als auch am Dirigenten. Freies und gefühlsorientiertes Musizieren wird dadurch natürlich nicht gerade erleichtert. Sobald die Noten dann stimmen, die gröbsten Dynamiken und Phrasierungen dann abgesprochen sind, ist der Orchestermusiker mit dem Üben fertig und kann sich auf seinen Feierabend freuen.

Der Ansatz bei Musik, die auf Groove basiert, also afrikanische Musik (und afrikanisch beeinflusste Musik) und vieles in der orientalischen und asiatischen Musik ist völlig anders. Der Groove wird wiederholt, bis er wirklich tief in den Körper eingedrungen ist. Das meditative Element, das völlige Aufgehen in der Musik wird nur möglich, wenn der Kopf abschaltet, und das geht meistens nur, wenn die Musik nicht von einem Notenblatt abgelesen werden muss. Die Wiederholung sorgt für den Groove und ganz nebenbei auch dafür daß sich musikalische Elemente festsetzen und Noten überflüssig werden.

Aber meiner Meinung nach muss das intensive Erlebnis beim Musikmachen nicht auf groovebasierte oder rhythmisch geprägte Musik beschränkt sein. Auch klassische Musik kann mit wesentlich mehr Leidenschaft und Energie gespielt werden, wenn man Übetechniken ähnlich wie in der groovebasierten Musik anwendet. Nur leider fehlt da, wo Musik auf „professionellem“ Level gemacht wird, oft die Zeit und da Zeit bekanntlich Geld ist bleibt dieses Erlebnis wohl denjenigen vorbehalten, die erkannt haben, daß dieser Ansatz eigentlich die Voraussetzung für höchste künstlerische Qualität ist.

Was kann man noch zum Konzert sagen? Fantastisch! Es war eine große Freude, vor allem wegen der wunderbaren, wahrlich grenzenlosen Musik die Takashi geschrieben hat. Es war eine ganz besondere Gelegenheit hier mitmachen zu können und mit dieser einmaligen Band zu spielen. Hoffentlich gibt es bald eine Fortsetzung.

Wer das Konzert im Radio hören möchte, schaltet am 23.10. um 20:05 Uhr WDR4 ein. Auf der Homepage des WDR gibt es auch einen Livestream.

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