Talent oder Fleiss? – Kein Gegensatz

Wenn es darum geht, warum jemand bestimmte Fähigkeiten besitzt, vor allem wenn es um musikalische, sprachliche oder künstlerische Fähigkeiten geht, scheint es einen fundamentalen Unterschied in der kulturellen Auffassung darüber zwischen Deutschland und Japan zu geben, man könnte auch sagen zwischen Europa und dem fernen Osten.

Um den Unterschied deutlich zu machen, möchte ich es überspitzt sagen: In Deutschland glaubt man dass es alleine am (von Geburt an) vorhandenen Talent liegt, ob jemand besonders musikalisch oder auch kreativ ist. Dabei übersieht man oft, dass das Üben bzw. der Fleiss genau so eine große Rolle spielt. In Japan hingegen glaubt man, dass wenn man zu erlernende Fähigkeiten in kleine Schritte unterteilt und sie jemandem beibringt, jeder in der Lage sein muss diese Fähigkeiten zu erlangen. Dabei übersieht man oft, dass jeder Mensch unterschiedlich ist und unterschiedliche Interessen und wenn man so will „Talente“ mitbringt.

Natürlich stecken in beiden Position richtige Aspekte und die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Aber erstmal ein paar Beispiele für das was ich meine:

Nehmen wir eine Fernsehsendung, die schon eines der beiden Wörter im Titel hat, die die Überschrift dieses Artikels bilden: „Das Supertalent“. Abgesehen vom Herzschmerz und Drama, und der Tatsache dass die Teilnehmer von „Das Supertalent“ mindestens einen kürzlich verstorbenen Angehörigen oder 10000 Euro Schulden haben müssen, um genug „Talent“ für die Sendung zu haben, geht es ja bei vielen der Fähigkeiten der Teilnehmer um Dinge, die sich nicht von Geburt an gekonnt haben. Irgendwann haben sie vermutlich festgestellt, dass sie Interesse an etwas haben, haben begonnen sich damit zu beschäftigen und sind dann weil sie viel Zeit damit verbracht haben immer besser geworden und haben diese Fähigkeit auf beeindruckendes Niveau gebracht. Sie haben also meiner Meinung ein „Interesse“ oder „Talent“ bei sich entdeckt und dieses Talent gefördert und durch viel Fleiss entfaltet. Dem einen fällt dabei das Üben fast schon spielerisch leicht, ein anderer braucht mehr Selbstüberwindung und Anstrengung um etwas zu erreichen. Leider aber hört man bei „Das Supertalent“ immer sehr wenig vom Fleiss, der hinter all dem Gezeigten steht, sondern man bekommt viel eher den Eindruck, die Teilnehmer hätten schon singend oder Turnübungen ausführend den Mutterleib verlassen (stimmt ja eigentlich).

Wenn Onkel Bohlen dann beim Supertalent den Sieger kürt, herrscht wieder der Eindruck vor, diese Person musste nun Sieger werden, weil das was diese Person kann, kaum jemand anders in Deutschland kann (dass das nicht so ist, weiss aber im Grunde auch jeder).

Ein anderes Beispiel für die übermäßige Würdigung des „Talents“ sind die „Wunderkinder“ in der klassischen Musik, Mozart war vielleicht das erste. Auch hier überstrahlt das angeborene „Talent“ alles andere, und der Gedanke dass die Umgebung, die Förderung der Eltern und vor allem das ausdauernde Üben dazu beigetragen haben, dass das Talent entfaltet werden konnte kommt viel zu kurz.

Gehen wir nach Japan. In Japan tendiert man dazu, alle Kinder als gleich anzusehen. Ich erinnere mich an meine erste Japanreise im Jahr 1998. Damals war ich mit einem Jugendpercussionensemble aus Hannover 3 Wochen lang in Japan unterwegs und wir spielten Konzerte von Tokyo bis ganz in den Süden nach Kagoshima.

Häufig waren dies Doppelkonzerte mit lokalen Schulorchestern oder lokalen Taiko-Gruppen (hier war meine erste Begegnung mit Taiko). Und ich erinnere mich gut an die beeindruckende musikalische Qualität der Schulorchester. Sie waren unglaublich präzise und hatten einen sehr klaren Klang, und es handelte sich oft um Orchester mit 12-15-jährigen Schülern. So etwas war ich, mit reichlich Orchestererfahrung in Deutschland ausgestattet nicht gewohnt.

Der Grund für die Qualität dieser Schulorchester ist ganz klar, dass Fleiss und Einsatzbereitschaft in Japan noch wichtigere Tugenden sind als in Deutschland. Verbunden mit der Autorität und der Verbindlichkeit japanischer Lehrer führt das dazu, dass einfach viel mehr geübt wird. Wiederholung ist hierbei ein wichtiges Stichwort!

Nun wird niemand behaupten, dass japanische Kinder mehr musikalisches Talent haben als deutsche. Den Unterschied macht alleine der Fleiss! Jedes der Kinder wurde durch einen gewissen kollektiven Druck (ein Sache, für die es im Deutschen praktisch nur ein negatives Wort gibt: Gruppenzwang) dazu gebracht, viel für das Konzert zu Üben. Ob das Kind musikalisches Talent mitbringt spielt dabei keine Rolle.

Natürliche hat die relative Gleichbehandlung aller Kinder auch Nachteile. Individualität kann sich dabei oft nicht gut entfalten, sie wird oft auch unterdrückt und es gibt auch einen großen Lerndruck. Es gibt auch viele Fälle, in denen man japanischen/asiatischen Musikern zuwenig künstlerischen Ausdruck und mangelhaften individuellen Charakter attestiert.

Also muss es automatisch zur „Gleichschaltung“ führen, wenn das Kollektiv und der Fleiss so eine wichtige Rolle spielt und dadurch die individuellen Talente nicht richtig zur Geltung kommen können?

Nein, nicht unbedingt! Zum einen sind die Japaner, wenn man durch die anscheinend sehr gleiche, homogene Oberfläche hindurchschaut sehr individuell, und oft sehr kreativ und geradezu verrückt.

Andererseits sind die Deutschen sich manchmal viel ähnlicher und „gleichgeschalteter“ als man bei aller  individueller Verschiedenheit annimmt.

Die Psychologie spielt hierbei ein grosse Rolle. Denn wächst man in einem Land auf, in dem der Individualität so viel Platz eingeräumt wird wie in Deutschland, sieht man viel mehr Möglichkeiten für die eigene Lebensplanung, weil das Umfeld dies ja widerspiegelt. Leider vergisst man ja in Deutschland oft den Fleiss, so dass dann am Ende doch zu viele Leute nicht dazu kommen, ihrer Individualität auf künstlerischer oder musikalischer Ebene Ausdruck zu verleihen. Die Annahme, dass man „Talent“ brauche um eine gewisse Fähigkeit zu erlangen, hält viele Leute davon ab. Talent hat man oder nicht, aber 80% aller Leute haben 80% mehr Talente als sie selbst glauben. Kombiniert man diese reichlich vorhandenen Talente mit Handwerk und Fleiss, könnten dabei die erstaunlichsten Dinge herauskommen.

Wächst man in einem Land wie Japan auf, traut man sich vielleicht viel weniger einen eigenen Weg der von der Masse abweicht zu gehen. Andererseits bekommt man ein besseres Lernhandwerk auf den Weg, und die Einstellung dass durch Fleiss vieles erreichbar ist. So können letztlich trotz weniger Individualität mehr Menschen in Japan künstlerische und musikalische Fähigkeiten entwickeln, sofern sie neben all der Arbeit (auch hier wirkt sich die Sache mit dem Fleiss aus) noch die Zeit dazu haben.

Für mich ist Taiko ein optimales Instrument um musikalische Fähigkeiten zu entwickeln. Jeder Mensch hat einen unterschiedlich großen Anteil an musikalischem Talent, aber ein absolut nicht vorhandenes musikalisches Talent, so etwas gibt es nicht! Somit ist es eine Frage der Umgebung und des Fleisses, dieses Talent zu entwickeln. Taiko eignet sich deshalb besonders gut, weil die technische Einstiegsschwelle mit 2 Bachi und einer Trommel recht niedrig ist. So ist es auch für Menschen die kaum an ihr eigenes Talent glauben möglich, durch erste kleine Erfolgserlebnisse beim Trommeln musikalisches Talent bei sich selbst zu erkennen, selbst wenn es nur ein erster Funken ist!

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