Vom Vorteil des Kreises gegenüber der Linie

Wer Taiko spielt, hat es ob er will oder nicht mit Physik zu tun (nicht nur wer Taiko spielt). Mit Schwerkraft und Beschleunigung, Fliehkräften, Reibung und Kollisionen. Wo Dinge in Bewegung sind, gibt es bei einem gleichen Ziel (das Taiko-Fell), verschiedene Möglichkeiten, mehr oder weniger direkt, an dieses Ziel zu kommen. Daher ist es durchaus sinnvoll, sich durch Beobachtung, Ausprobieren und Verfeinern mit den Bewegungen beim Taiko zu beschäftigen um eine effektive und körpergerechte Form des Taiko-Spielens zu entwickeln.

Im von Kaoly Asano entwickelten Taiko-Stil spielt der Kreis und die Welle ein große Rolle. Beide hängen eng zusammen, wie ich gleich noch zeigen möchte.

Nehmen wir den Kreis: Beim Taiko muss ich also den Bachi in irgendeiner Form von oben nach unten und wieder von unten nach oben (relativ zur Richtung des Fells) bewegen. Das ist die Voraussetzung daß ich mit den Bachi Töne auf der Trommel erzeugen kann. Sagen wir mein Startpunkt der Bewegung oben wäre A, und mein Endpunkt unten auf dem Taiko-Fell wäre B. Ich habe dann vereinfacht gesagt 2 Möglichkeiten den Bachi und meine Arme zwischen diesen beiden Punkten hin- und herzubewegen:

1. In der Form einer Linie

2. In der Form eines Kreises

Der Tawoo-Stil und damit auch der Stil des Kion Dojo bevorzugt die Annäherung an den Kreis. Nehmen wir statt den Bachi und den Armen mal ein Auto, das zwischen den beiden Punkten A und B hin und her fahren soll. In Variante 1 hat es nur eine gerade Strasse zu Verfügung. Sobald das Auto dabei an Punkt B ankommt muss es komplett abbremsen, den Rückwärtsgang einlegen, neu beschleunigen und wenn es wieder an A ankommt wiederum abbremsen usw. Das alles kostet Zeit und Energie.

Hat das Auto aber in Variante 2 zum Fahren ein Oval zur Vefügung, keinen exakten Kreis, aber die Form einer Mandel oder eines Eis z.B, dann beschleunigt das Auto auf dem Weg zu B, muss zwar vor B auch abbremsen und neu beschleunigen, aber viel weniger stark, als wenn es auf der geraden Linie fährt. Vor allem kann es seine generelle Fahrtrichtung (ohne den Rückwärtsgang einlegen zu müssen) beibehalten und braucht weniger Brems-und Beschleunigungsenergie.

Zwar unterscheided sich die Physik unseres Rennautos auf der Strecke noch in vielen Punkten von der Bewegung beim Trommeln, aber das Bild ist sehr ähnlich. Wenn ich in den Bachi und den Armen verschiedene Kreisbewegungen unterbringe statt sie nur von oben nach unten zu bewegen, dann kann ich damit Aushol- und die Schlagbewegung besser miteinander verbinden. Es sind keine 2 voneinander getrennten Bewegungen mehr, sondern sie gehen fliessend ineinander über. Das betrifft auch die Musik, die Schläge verbinden sich zu einem fliessenden, groovenden Rhythmus.

Bei beiden Varianten handelt es sich um Annäherungen an eine gerade Linie, bzw. ein Oval. Kein Mensch ist natürlich in der Lage, seinen Körper mathematisch korrekt, wie mit dem Lineal bzw. dem Zirkel gezeichnet zu bewegen.

Ein anderes wichtiges Element im Tawoo-Stil ist Wellenbewegung. Schauen wir auf die Arme und die Bachi, dann werden sie im Tawoo-Stil typischerweise in Form einer Welle (anderes Beispiel: Peitsche) bewegt. Die gegensätzliche Bewegung dazu wäre eine Hebelbewegung, wie sie man sich vielleicht bei einem steifen Roboter beim Trommeln vorstellen könnte. Diese Welle beginnt dabei nicht etwa erst in an der Schulter, sondern beginnt in den Fußspitzen und bewegt sich von dort bis an die Spitzen der Bachi. Dies ist eine Bewegung die man besonders gut bei Kaoly und vielen Mitgliedern des Tawoo Dojo beobachten kann.

Innerhalb dieser Welle die einmal angestossen fast wie von selbst den Körper durchläuft baut sich eine große Bewegungsenergie auf, die dann am Ende wie eine echte Welle im Meer, auf den Strand klatscht. Denken wir an eine Peitsche, dann ist ein Mensch nur mit der Kraft seines Arms in der Lage damit die Schallmauer zu durchbrechen. Es klingt unglaublich, aber die Geschwindigkeit die sich innerhalb der Peitsche aufbaut ist am Ende so potentiert, daß sie die Schallmauer durchbricht. Das erzeugt dann den Knall der Peitsche. Beim Trommeln durchbrechen wir die Schallmauer zwar nicht (Kaoly vielleicht schon), dafür haben wir aber eben die Trommel, die dann den Bachi in dieser hohen Geschwindigkeit in Empfang nimmt.

Nun, Kreis und Welle, wie passt das beides zusammen? Es passt zusammen, und zwar sehr gut. Nocheinmal zur Welle im Meer. Das Wasser bewegt sich in Richtung Strand und nachdem die Welle dort ausgelaufen ist zieht sich das Wasser flacher als vorher wieder vom Strand zurück um sich dann wieder in dem sich neu aufbauenden Wasserberg zu Strand hinzubewegen. Also ist die Welle immer nicht nur etwas, das sich auf und abbewegt, sondern auch horizontal nach vorne und hinten. Oft fliessen auch obere Wasserschichten zum Strand hin während darunterliegende zurückfliessen. Das ergibt Rotationsbewegungen im Wasser. Denkt man vielleicht einmal an Videos von Wellenreitern in Riesenwellen, bei denen dann die Kamera ins Wasser abtaucht, dort kann man diese Rotationsbewegungen gut sehen.

Ein anderes schönes bildliches Beispiel ist eine gute alte Dampflok. An den Rädern dieser Loks gibt es die typischen Verbindungsstangen zwischen den Rädern. Eine Wellenbewegung wird dabei zwar nicht so deutlich, aber was man gut sehen kann, ist wie sich eine Stange (die dann unser Arm ist) mit einer Kreisbewegung (den Rädern) verbinden lässt.

Von der Welle über die Peitsche zur Dampflok jetzt wieder zum Trommler. Würde also bei einem Trommler im Tawoo-Stil am Handgelenk und am Ellenbogen Leuchtpunkte anbringen und diesen im Dunkeln trommeln lassen, dann würde man 2 kreisende Lichtpunkte sehen. Macht man dann das Licht wieder an, stellt man fest daß hinter diesen kreisenden Bewegungen des Handgelenks und des Ellenbogens wellenförmige Bewegungen der Arme stecken.

Also kann man zusammenfassend sagen, daß der Taiko-Stil des Tawoo-Dojo den Menschen als biologisches Wesen betrachtet und nicht etwa als Roboter. Kaoly Asano, die diesen Stil maßgeblich beeinflusst hat, hat eine hervorragende Kenntnis von physikalischen Abläufen. Die hat sie jedoch nicht im streng wissenschaftlichen Sinne (sie zeichnet keine Diagramme und hält Vorlesungen), sondern durch ihre exzellente Beobachtungsgabe und Analysefähigkeit mit der Zeit gewonnen. Verbunden mit Fantasie und Kreativität kann sie diese Erkenntnisse auf sehr verständliche und anregende Art im Unterricht vermitteln.

Durch das Lesen diesen Textes hat man die Bewegungen des Tawoo-Stils natürlich noch lange nicht umgesetzt, dieser Text kann nur als Hintergrundinfo dienen. Zum Üben kann man also den Tawoo Dojo in Tokyo besuchen, oder wenn das zu weit weg ist gibt es da noch den Kion Dojo in Hamburg!

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