Fruchtbarer Boden im Taiko – Gras wächst nicht schneller wenn man dran zieht

Am Donnerstag fand die erste Probe des sogenannten „Tokuchuu-Joshi“-Teams unter der Anwesenheit von Kaoly statt. Für mich in Japan erst die dritte Probe überhaupt. Nun folgt nur noch eine Generalprobe am Samstag bevor dann am Sonntag das Tawoo Rhythm-Festival stattfindet. Und was war das heute für eine Probe! 4 Stunden bei schon (für deutsche Verhältnisse) recht hoher Luftfeuchtigkeit, wenn auch draussen nur 16 Grad sind und es regnet, läuft der Schweiss schon nach wenigen Schlägen.

Das Tokuchuu-Joshi-Team besteht aus 9 fortgeschrittenen Spielerinnen des Tawoo Dojo (eine Vorstellung der Mitglieder erfolgt später) und einem Deutschen, der erst vor kurzem zu diesem Team hinzugekommen ist (ach so, das bin ich). Das Team spielt eine 10-minütige Kombination aus 2 Stücken, das erste Stück heisst „Kaichi“ und ist ein Stück aus dem Kion Dojo dass ich mitgebracht habe, und das andere ist T4, ein „Klassiker“ aus dem Tawoo Dojo den alle kennen dürften die sich schon etwas länger mit dem Tawoo-Stil beschäftigen.

Erst vor etwa 2 Wochen habe ich den Mitgliedern des Teams Videos zukommen lassen, denn niemand aus dem Team ausser mir hat bisher jemals Kaichi gespielt. Normalerweise dauern die Proben und Vorbereitungen für Tawoo Rhyhthm mehrere Monate, daher ist es eine Ausnahme dass dieses Team mit nur so kurzer Probenzeit (insgesamt weniger als 10 Stunden) auftreten darf.

Beeindruckend ist aber wie schnell die japanischen Mädels Kaichi gelernt haben. Sie haben sich so gut vorbereitet, dass wir schon bei der ersten Probe nach meiner Ankunft in Japan eine zwar nicht ganz runde, aber immerhin schon sehr gut erkennbare Version des Stücks spielen konnten. Und auch trotz der kurzen Probenzeit wurde das Stück sogar vom Team noch weiter arrangiert und leicht verändert, und das auch noch in der vorletzten Probe am Donnerstag! Die Änderungen führten kaum zu Verunsicherungen sondern wurden sehr schnell übernommen.

Warum klappt das alles so gut im Tawoo Dojo? Weil unter anderem auf einen Aspekt sehr viel Wert gelegt wird: Die Selbstständigkeit und man kann sagen Autonomie der Schüler wird sehr stark gefördert. Es gibt also keinen Lehrer, der einen absolut korrekten und einzigen Weg aufzeigt, dem die Schüler unbedingt zu folgen haben, sondern es wird vielmehr ein Rahmen bzw. ein Raum geschaffen, in dem die Schüler sich einbringen können, kreativ werden und Verantwortung übernehmen. Das kann man gut als fruchtbaren Boden bezeichnen, und es klingt wie eine Beschreibung einer modernen Reformschule mit neuem Lernkonzept in Deutschland, es trifft aber einfach auf den Tawoo Dojo sehr gut zu!

Im Tawoo Dojo wird der Austausch zwischen den Schülern sehr gefördert. Besser passt es eigentlich zu sagen, er wird unterstützt und nicht verhindert. Denn eigentlich liegt es in der menschlichen Natur, sich auszutauschen und voneinander zu lernen. Das kann man vor allem bei Kindern sehen. Da wir aber in einer sehr stark von der Marktwirtschaft und damit vom Wettbewerb geprägten Gesellschaft leben, sollen auch Schüler in der Schule miteinander konkurrieren anstatt zu kooperieren. So haben wir alle gelernt, dass Abgucken streng verboten ist und das prägt uns bis heute, entsprechend groß ist die Aufregung, wenn jemand für seine Dokotorarbeit plagitiert. Selbstverständlich ist das nicht in Ordnung, aber die Aufregung darüber zeigt, wie wenig das Abgucken im Sinne eines Lernens voneinander bei uns gefördert wird.

Vor allem was Dinge wie Rhythmen, Handsätze und Abläufe angeht, wird im Tawoo Dojo während der Übungen, während der Pausen, nach der Übung und in Internet-Foren sehr viel kommuniziert. Dabei ist es relativ unerheblich, wie viel Erfahrung derjenige hat der gefragt wird. Sollte etwas unklar sein, kann man immer jemand anders fragen, schliesslich ist ein Taiko Dojo ein großer gemeinsamer „Wissenspool“, es wäre dumm das nicht zu nutzen! Und hat man  etwas wirklich gelernt, kann man dies auch weitergeben, muss sich aber um es weitergeben zu können auch noch einmal bewusst damit auseinandersetzen. Das wiederum bringt dem Weitergebenden im Idealfall ebenfalls neue Einsichtung und eine Vertiefung des Gelernten.

Der Lehrer übernimmt in diesem Unterrichtskonzept nicht so sehr die Rolle eines „Eintrichterers“, der fertige Wissens- bzw- Könnenshäppchen seinen Schülern serviert, die sie dann schlucken müssen, sondern er gibt ihnen vielmehr Handwerkszeug in die Hand, um selbst gestalterisch tätig werden zu können. Natürlich unterliegt dieses Handwerkszeug einer strengen und gewissenhaften Auswahl durch den Lehrer. Denn es geht ja nicht um eine „Egal was man macht, alles ist gut“-Haltung, bei der sich der Lehrer gar nicht einmischt. Sondern es geht darum ein Kunstwerk zu schaffen, nicht ein Kunstwerk im westlichen Sinne, wo Künstler als häufig sehr individuelle und dem normalen Leben entrückte Genies wahrgenommen werden.  Aber ein Kunstwerk das ästhetisch hohen Ansprüchen genügt, egal ob es sich um eine professionelle Gruppe wie Gocoo handelt, oder um ein Einsteiger-Team mit Leuten, die zum großen Teil weniger als 1 Jahr lang trommeln. Es gibt also keine Einstellung nach dem Motto: Ach das sind ja nur die Einsteiger, das reicht wenn sie ein bisschen Bumm Bumm machen und Spaß dabei haben, von denen erwartet ja eh keiner was…

Wenn jemand unter Kaolys Leitung eine Bühne betritt, dann nur unter würdigen Bedingungen. Das bedeutet derjenige bekommt dann eine Aufgabe, die seinen Fähigkeiten möglichst genau angemessen ist. Das jemand in einer Auftrittssituation überfordert ist, das verhindert Kaoly unter allen Umständen.

Aber zurück zum fruchtbaren Boden. Wie sieht das anhand des Beispiels der Probe vom Donnerstag aus? Nun in dieser Probe hat sich Kaoly ersteinmal für 2 Stunden rar gemacht und das Team komplett alleine proben lassen. Denn zuviel Einmischung hätte bei dieser Probe wohl einfach geschadet. Erst zum Schluss der Probe kam Kaoly wieder dazu und gab uns eine Rückmeldung dazu, wie einzelne Stellen im Stück gelungen waren und wie man vielleicht noch das letzte Feintuning machen könnte.

Egal wie viel oder wenig nun letztendlich Kaoly Einfluss auf das Endergebnis dieses Teams genommen hat, entscheident ist das Gefühl das bei den Spielern zurückbleibt. Und das Gefühl ist, etwas eigenes Großartiges geschaffen zu haben –  nicht durch Verordnung durch den Lehrer – sondern mit Unterstützung und Hilfe aber auch genau soviel Freiraum! Diese Balance zwischen Einflussnahme und Freiheit zu finden, das ist wahre Kunst!

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