Mehr Wie als Was, aber Warum?

Der erste richtige Probentag für das in einer Woche stattfindende Tawoo Rhythm-Festival ist vorbei und ich bin teilweise beeindruckt, geschockt, inspiriert und eingeschüchtert. Warum, dazu mehr später.

So ein Probe läuft in etwa so ab, daß von 13 bis 21 Uhr in einem großen Saal geprobt wird. Dabei hat jedes Team das bei Tawoo Rhythm auftritt ca. 20 bis 30 Min. zu proben, während die anderen Teams schonmal das „Testpublikum“ bilden. Man schafft also möglichst realistische Bedingungen, damit der Gang auf die Bühne später nicht so ganz wie ein Sprung ins kalte Wasser wird. Währenddessen nimmt Kaoly, die Leiterin des Tawoo Dojo einen zentralen Platz ein, ähnlich wie der Regisseur in einem Theater, der bei der Probe in den Publikumsitzen Platz nimmt und von dort aus noch letzte Anweisungen gibt am Feinschliff arbeitet. Natürlich muss zu diesem Zeitpunkt das Programm der einzelnen Teams schon sehr sicher stehen, hier spielen Fragen wie welcher Handsatz richtig ist, oder wie der Ablauf des Stücks ist kaum noch eine Rolle. Vielmehr geht es nun um dramaturgische Dinge, also z.B. die Frage ob der Wechsel von ruhigeren und heftigeren Parts gut gelungen ist, ob Spannungsbögen die richtige Länge haben und Ähnliches.

Ausserdem legt Kaoly dann sehr viel Wert auf den Geist, mit dem getrommelt wird. Mit welchem Gefühl wird getrommelt, welche Einstellung steht dahinter, will man eine Message und wenn ja welche rüberbringen? Denn im Taiko sollte es ja eigentlich nicht darum gehen, nach dem Motto „schneller, höher, weiter“, nur die erlernten technischen Fähigkeiten vorzuführen. Wie etwa ein Sportwettkampf. Denn die technischen Fähigkeiten kann nach japanischer Auffassung, wenn richtig beigebracht im Grunde jeder erlernen, wenn er nur fleissig genug ist und ausreichend übt. Es ist also kaum eine Frage des Talents.

Wenn man in anderer Musik oder im Taiko wirklich die Herzen der Zuhörer erreichen möchte, dann muss dabei mehr rüberkommen, als die Zurschaustellung von anspruchsvollen Rhythmen, Körperbeherrschung oder hübscher Choreographie. Diese Dinge sind wichtige Elemente im Gesamtbild und gehören zum Handwerkszeug eines Taiko-Spielers, aber sie alleine reichen nur für einen Applaus, der den Respekt für die Übungsleistung wiederspiegelt.

Man denke nur an einen Bluesmusiker, denn beim Blues ist es sehr offensichtlich. Merkt man dem Bluesmusiker seinen in der Musik verarbeiteten Schmerz, die Freude, die Liebe, den Kummer etc. nicht an, merkt man das sofort, und der Blues verkommt nur zu einer Kopie, die vielleicht bluesartig in nett klingt, aber einen nicht so sehr berührt, wie wenn alle diese Gefühle aus dem authentischen Herzen des Musikers durch die Musik kommuniziert wird.

Nun gibt es im Taiko nicht die melodischen und harmonischen vielfältigen Möglichkeiten sich auszudrücken wie im Blues, sondern Rhythmus an sich ist erstmal eine ganze Ecke abstrakter, kann aber mit guter Phrasierung, melodisch „gedachten“ und empfundenen Rhythmen sich schon sehr weit von einem abstrakten Rhythmus entfernen. Geht man noch weiter und spielt Taiko mit einer selbstlosen, kommunikativen und offenen Einstellung, dann hinterlässt solch ein Auftritt doch eben mehr beim Zuschauer als nur Anerkennung für die künsterisch, trommlerischen Leistungen.

Genau das habe ich empfunden als ich Gocoo 2002 das erste Mal überhaupt im Konzert in der Hamburger Markthalle sah. Irgendwas war dort anders, das habe ich damals schon gespürt, wusste aber nicht genau was.

Und das habe ich auch wieder bei der Probe für Tawoo Rhythm empfunden. Denn hier war man eben in vielen der Teams, die ausschliesslich aus „Freizeittrommlern“ bestehen schon weit über die handwerklichen Grundlagen hinausgekommen und man konnte diese gleichzeitig freie, selbstsichere, einladende, freundliche, bescheidene, gemeinschaftliche und unglaublich menschliche Art mit (fast) jedem Schlag spüren!

Ich komme auf meinen Eingangssatz zu diesem Artikel zurück. Ich war höchst beeindruckt von den technischen und handwerklichen Leistungen der Trommler im Tawoo Dojo, ich war geschockt, weil ich merkte, wie weit die deutsche Taiko-Szene, mich eingeschlossen noch von dieser Qualität entfernt ist. Ich war inspiriert von der Art wie Kaoly es vermochte an der Einstellung der Trommler zu arbeiten, ohne die geringsten diktatorischen Anwandlungen oder Zwang, und ich war eingeschüchtert, weil ich mir nicht sicher war, ob ich in der Lage sein werde, ähnliche Dinge auch nur ansatzweise in Deutschland zu bewirken, wo Individualität und Wettbewerb scheinbar über allem stehen und ein Gemeinschaftssinn nur sehr mühsam erarbeitet werden kann.

Letztendlich war ich aber erleichtet und dankbar, dass es den Tawoo Dojo gibt und ich die Möglichkeit habe, eine ganz andere Art des Taiko kennenzulernen, die mich immer wieder neu herausfordert!

Dies ist also eine Aufforderung sich etwas mehr Gedanken darüber zu machen, „Wie“ man etwas trommelt, als nur „Was“ man trommelt. Denn das „Wie“ gibt letztendlich den entscheidenden Auschlag, das „Was“ kann auch nur ein oder zwei Schläge sein. Wenn man sich ausreichend mit dem „Wie“ beschäftigt hat, können auch diese ein oder zwei Schläge einen glatt umhauen. 1000 Schläge ohne „Wie“-Hintergrund gespielt können im Gegensatz dazu absolut bedeutungslos an einem vorübergehen!

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Ein Kommentar zu „Mehr Wie als Was, aber Warum?

  1. Hallo Ingu,

    hab gerade deine Schilderungen vom Tawoo- Dojo gelesen und bin beeindruckt. Wie du weißt, war mir der „Druck“ und die angespannte Atmosphäre im Kion-Dojo letztes Jahr auch bisschen zu viel geworden und du beschreibst es hier so gut, dass es auch sooooooooooo anders geht. Doch, ja“ uns Deutschen“ fällt es schwer sich mehr am gemeinschaftlichen Ziel zu orientieren. Allzu oft sind wir, mich eingeschlosssen, zu sehr mit uns selbst, unseren eigenen Zielen, Verfehlungen und Ansprüchen beschäftigt.
    Dieser „Spirit“ den du beschreibst, der ist ja auch bei den WKS mit Gocoo soooo deutlich spürbar und spätestens dann „wächst“ auch der Kion-Dojo wächst dann zusammen und es ist nur noch schön, weil das „Wie“ sehr deutlich zu spüren ist. Darum:
    ICH FREUE MICH SOOOOO auf den nächsten Workshop und natürlich auf weiteren Übungen-Proben mit dir und all`den anderen Kions ;o)
    LG, Chrissi

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