Was ist Groove? – Von Wörtern und Geschichten

Eine Frage die mich beschäftigt, vor allem seitdem ich begonnen habe Taiko im Stil von Tawoo und Gocoo zu spielen: „Was ist Groove?“ oder „Was ist das Besondere, dass den Tawoo-Stil ausmacht und von vielen (ohne dass dies abwertend klingen soll) „herkömmlichen“ Taiko-Gruppen und Stilen unterscheided?“

Nun, ich glaube diese Frage inzwischen ganz gut beantworten zu können! Vor allem wenn ich mit Trommlern im Unterricht oder in Workshops zusammentreffe, die schon zuvor in anderen Gruppen bei anderen Lehrern in Deutschland Taiko gelernt haben. Diese bringen in der Regel Gewohnheiten und Spielweisen mit, die sie auch in meinem Unterricht und unter meinen Übungen natürlich nicht sofort ablegen können. Die Unterschiede zwischen den klassischen oder „traditionell“ orientierten Taiko-Stilen und dem Tawoo-Stil werden in diesen Situationen dann für mich besonders deutlich.
Erstmal zu der Frage „Was ist Groove?“

Nun, im Prinzip kann jeder Rhythmus grooven wenn er mit der richtigen Einstellung und entsprechenden Fähigkeiten gespielt wird! Allerdings gibt es bestimmte Rhythmen, die viel leichter zum „grooven“ gebracht werden können als andere. Meistens sind dies die Rhythmen, die eine gewisse Tiefe im Sound haben, also die akzentuierte Schläge mit unakzentuierten verbinden und nicht nur aus Schlägen in einer Lautstärke bestehen. Es sind auch die Rhythmen die vielschichtig sind und die polyrhythmisch verflochten sind, die dann sozusagen schon fast von Haus aus grooven. Auch Synkopen können leicht zum grooven gebracht werden. Synkopen sind solche Rhythmen, bei denen der Grundpuls meist umspielt und freigelassen wird. Somit entsteht eine Lücke, die aber gefühlt mit Puls/Beat gefüllt wird. Wie bei anderen Dingen, bei denen wir durch das Weglassen von Informationen den freien Bereich automatisch mit Inhalt füllen, z.B. Abk……gen.

Als Taiko-Spieler kann man also auf oben genannte Rhythmen zurückgreifen um die Chance zu erhöhen dass es groovt. Aber unabhängig von der Art des Rhythmus ist ein ganz entscheidender Punkt die Einstellung und das Feeling mit dem ein Rhythmus gespielt wird. Wer den Groove selbst nicht spürt, kann auch einen Rhythmus, der von sich aus schon fast groovt nicht wirklich zum grooven bringen.

Meine Erfahrung mit Spielern mit einigen Monaten bis Jahren Erfahrung in anderen Taiko-Stilrichtungen (ausschliesslich aus meiner Sicht und von meinem Taiko-Stil aus betrachtet) sind die folgenden.

1. Die Spieler greifen die Bachi viel zu fest und wenden viel zu viel Energie für einen einzelnen Schlag auf. Die technischen Fähigkeiten, verschiedene Sounds aus einer Trommel herauszuhohlen sind eingeschränkt. Oft beschränken sie sich auf das gleiche „Don“ in unterschiedlichen Lautstärken und vielleicht Randschläge als Variationsmöglichkeit.

2. Die Fähigkeit zuzuhören und wirklich miteinander zu trommeln ist nicht besonders gut ausgeprägt. Viele dieser Spieler spielen nur für sich und rattern durch ein Stück durch, ohne viel von anderen Spielern oder dem Gesamtwerk an dem sie beteiligt sind mitzubekommen. Der größte Teil der Aufmerksamkeit ist auf den Ablauf der Stücke gerichtet, man hangelt sich von einem Teil zum nächsten in der Hoffnung keinen Aussetzer zu haben. Viele Feinheiten gehen mangels freier Kapazitäten dabei unter.

3. Die Fähigkeit langsam zu trommeln ist oft nicht vorhanden. Viele sehen nur eine Herausforderung: Schnell trommeln zu können! Dabei ist langsam und in einem gleichbleibenden Tempo trommeln zu können eine wichtige Voraussetzung für Groove. Fällt das Tempo ständig nach vorne wie ein Jogger der im Wald dauernd über Wurzeln stolpert und sich abfangen muss, dann fehlt den Spielern ein übergeordnetes Gefühl für den Beat, oder nehmen wir das deutsche Wort „Takt“. Die einzelnen Schläge stehen relativ „unstrukturiert“ im Raum, es fehlt ihnen ein Grundgerüst, das ihnen Halt gibt.

Diese drei Punkte nur mal als Dinge, die mir am schnellsten auffallen. Alle drei Punkte haben essentiell mit Groove zu tun.

Nun ist stilunabhängig die Art des Unterrichts und der Übungen dafür entscheidend, ob es den Spielern leicht gemacht wird, den Groove zu entdecken, ihr Zusammenspiel zu verbessern und ein gutes Timing zu entwickeln. Und ganz entscheidend sind auch die Stücke die geübt werden. Da Stücke in aller Regel aus verschiedenen zusammengesetzten Rhythmen/Phrasen/Patterns bestehen, ist also auch die Art dieser Elemente entscheidend, ob ein Stück leichter oder schwerer zum Grooven kommt.

Vergleichen wir mal eine kürzere rhythmische Phrase mit einem Wort, und denken wir bei einem Stück mal an einen Satz, oder ein kleines Gedicht, oder gar eine Geschichte. Viele zusammengesetzte Wörter ergeben Sätze, viele Sätze ergeben eine Geschichte. Ein Buchstabe könnte also für einen Schlag beim Trommeln stehen. Diesen Vergleich will ich im Folgenden nutzen, denn Rhythmus hat viel mit der Sprache des Menschen zu tun. Nicht zufällig sind es auch die Vögel die die menschliche Sprache zumindest nachahmen können, nämlich Papageien die in der Lage sind, zu einem Musikstück im Beat oder im Takt zu wippen.


Viele der Stücke der Gruppen, die ich kennengelernt habe sind sehr stark von aussen betrachtet geschrieben, also der optische Eindruck, die Show, die Choreographie, die Artistik, wie auch immer man es nennen möchte spielt eine große Rolle. Um dem Zuschauer nicht zu langweilen werden dann natürlich in den Stücken viele unterschiedliche Teile verarbeitet. Die Stücke bekommen dann den Charakter eines langen bandwurmartigen Satzes, der aus vielen unterschiedlichen Wörtern besteht, die alle beherrscht werden wollen und deren Reihenfolge man sich gut merken muss, was allein schon viel Kopfarbeit erfordert, was wiederum ein freies Spielen und das Spüren des Grooves nicht gerade erleichtert, genauso wie es sehr schwierig wäre, in diesem Satz eine logische Struktur zu erkennen und ihn auswendig lernen zu wollen, das wäre schlicht sehr schwierig und erfordert eine gute Kenntnis der in ihm enthaltenen Wörter.

Den Fehler den dann viele Gruppen machen ist, dass sie das Üben der Wörter viel zu wenig betreiben, sondern immer nur ganze Sätze oder die komplette Geschichte am Stück üben. Die genaue Aussprache der Wörter, die Betonungen, die Bedeutung jedes dieser Wörter kommt dabei viel zu kurz.

Mein Rat an die Taiko-Gruppen die sich hier angesprochen fühlen ist folgender: Übt die Wörter bis ihr sie wirklich von allen Seiten betrachtet habt, sie in- und auswendig kennt, sie euch wirklich zu eigen gemacht habt und mit der besten euch möglichen Aussprache aussprechen könnt. Dann könnt ihr die Wörter zu Sätzen zusammenbauen und letztlich zu Geschichten, die dann Goethe und Schiller alle Ehre machen. Also: Die Wörter zu beherrschen ist eine Grundvoraussetzung um einen Satz zu bilden!

Nochmal von der Sprache zurück zum Trommeln. Übt man also eine kurze Phrase in ständiger Wiederholung, so geht sie einem wirklich in Fleisch und Blut über, sie verselbstständigt sich und führt ein Eigenleben, was dem Trommler die Freiheit ermöglicht, mehr auf Dinge wie Akzentuierung, Timing, Groove, Ausdruck etc. zu achten. Hängt der Kopf aber wie oben beschrieben immer am Ablauf des Stücks, so bekommt der Trommler gar keine Gelegenheit sich auf einzelne Rhythmusabschnitte  zu konzentrieren. So wird die Geschichte dann am Ende eher wenig liebevoll runtergeleiert, ohne besonderen Ausdruck oder gute Aussprache. Dabei wäre doch eigentlich ein Märchenerzähler, der seine Worte gut kennt, Spannung und Emotionen in der Stimme hat viel schöner!

Also was ist Groove? Groove ist das Beherrschen von Wörtern und Sätzen, um letztendlich eine schöne Geschichte erzählen zu können! Aber noch viel mehr…

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5 Kommentare zu „Was ist Groove? – Von Wörtern und Geschichten

  1. Der Vergleich mit dem Sprechen gefällt mir. Es gibt Menschen, die das Reden vor einem Auditorium nicht gewohnt sind, die dann ihre Rede mit überanstregter Stimme vortragen, sodaß sie tonlos wird, ohne Modulationsspielraum nach oben, getrieben von der Furcht vor der Leere, der Pause. (Beispiele liefert das Parlamentsfernsehen.)
    Die Töne, die nicht gespielt werden, können lauter sein als die gespielten.
    Um zuhören zu üben, habe ich bisweilen versucht, im Training die Augen zu schließen, das hilft.

  2. Tatsächlich, Rhythmus ist eine abstrahierte Form von Sprache, die aber ähnlichen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Was ich in meinem Artikel auch gar nicht erwähnt habe sind die Satzzeichen, wie Punkt und Komma, die auch natürlich eine wichtige Rolle spielen.

    Zuhören wird unterschätzt! Zuhören ist so wichtig! Gelegentlich die Augen zu schließen ist eine gute Maßnahme!

  3. das mit der sprache habe ich heute im training mal wieder so empfunden. zumindest fühle ich mich jetzt nicht mehr ganz so unfähig und allein mit meinen gedanken. danke ingmar 🙂
    zuhören trägt genauso viel zur kommunikation bei, wie sprechen. wahr ist nicht, was A sagt, sondern was B versteht.
    rainer, das mit dem augenschliessen habe ich heute auch probiert und es hilft in der tat.

  4. Es gibt einen stillen Puls hinter dem rhythmischen Geschehen, hinter dem, was man hörbar spielt. Groove heißt, diesen stillen Puls empfinden und damit synchron sein. Gute Synchronisierung in einer Gruppe von Musikern entsteht, wenn alle denselben stillen Puls empfinden und umsetzen. Der Synchronisation ohne diese Empfindung ist nur eine scheinbare, bloß pünktliches Schlagen. Synchronisation mit der Empfindung ist Zusammen-Sein.

    Gefördert wird das Empfinden durch inneres Loslassen, Mühelosigkeit, Autonomie der Bewegungen; der Geist muss dafür frei sein vom Tun, er muss frei sein zu Lauschen – aufeinander und nach innen. Man lernt das in einem vielschichtigen, zyklisch sich wiederholenden, fluktuierenden Prozess, wo genügend Zeit ist, wo sich Bewegungen allmählich verselbständigen und mehr und mehr ‚von selbst‘ gehen.
    Gehemmt wird das Empfinden durch ‚Leistung‘ und ‚Schwierigkeit‘ also durch jede Art Streß; weiterhin durch Kontrolle, durch ‚Machen‘ der Bewegungen. In diesen stressigen Modus kommt man unweigerlich, wenn man zuviel will, sich überfordert, Bewegungen macht, die der Körper noch nicht selbstständig umsetzen kann; wenn sich Dinge nicht wiederholen sondern alle vier Takte was neues passiert; wenn man sich sorgt, wie man wohl aussieht beim Spielen und was die Leute denken. Das kann beeindrucken, aber schön ist es nicht.

    Der entspannte, lauschende Zustand (der Groove) überträgt sich dann – und nur dann – auf die Zuhörer, sie werden hineingezogen in den stillen Puls und synchronisieren sich mit den Musikern zu einer rhythmischen Einheit. Das macht allen Freude – und strahlt auch optisch natürliche Eleganz und Schönheit aus.
    Die Synchronisation von Sender und Empfänger ist auch Grundlage aller Kommunikation. Bei den üblichen Schau-Taiko-Performances ist keine Kommunikation möglich. Die Musiker sind beschäftigt, ihr Ding abzuliefern ohne Fehler zu machen; die Zuschauer staunen; beide sind für sich und getrennt und hinterher leer und erschöpft. Bei Groove auf der Bühne entsteht dagegen ein beidseitiger Energiefluss, der beide vitalisiert und erfüllt. Wir sind zusammen.

  5. Sehr schöne Worte Matthias! Vielen Dank! Mit Taketina habe ich mich noch nicht beschäftigt aber ich werde es vielleicht bei Gelegenheit mal tun, denn es scheint einen sehr unspektakulären (nicht negativ gemeint) aus dem Inneren kommenden Ansatz zu haben. Gefällt mir!

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