Was den Tawoo Dojo ausmacht

Zwar befinde ich mich beim Schreiben dieser Zeilen schon wieder auf dem Weg zurück nach Deutschland, da ich aber in den letzten Tagen in Japan sehr wenig Zeit hatte, haben sich noch einige Themen gesammelt die ich jetzt noch nachreiche.

Obwohl ich schon öfter über das folgende Thema etwas geschrieben habe, beschäftigt es mich weiter, allein schon aus der Sicht des Taiko-Lehrers: Was macht den Tawoo Dojo aus?

Es gibt sicher offensichtliche Unterschiede zu anderen Taiko-Stilen, die einem recht schnell auffallen. Da könnte man den Groove nennen, der eine wichtige Rolle spielt, die rhythmischen Überlagerungen, die fliessenden, vom Körperinneren ausgehenden Bewegungen und vieles mehr. Das sind Punkte in denen sich der Tawoo Dojo von vielen anderen Taiko-Schulen unterscheidet und die ihn daher ausmachen. Aber ist gibt darüber hinaus noch andere Punkte, die die Art des Unterrichts im Tawoo Dojo betreffen und daher über diese äusseren schnell erkennbaren Merkmale hinausgehen.

In einem längeren Gespräch mit Kaoly vor einigen Tagen hatte ich nochmal die Möglichkeit, mich über diese Punkte mit Kaoly auszutauschen.

Fangen wir einmal mit der Technik und den Bewegungen im Tawoo Dojo an. Wie fest sind diese Punkte vorgeschrieben? Müssen alle beim Trommeln einen möglichst synchronen Bewegungsablauf haben? Die Antwort lautet ja und nein!

Was Kaoly im Tawoo Dojo macht, ist dass sie sehr konkrete, bildhafte und gut verständliche Anweisungen zu den Bewegungen im Tawoo Stil macht. Dabei geht sie oft soweit ins Detail, daß der Winkel den die Handfläche beim Trommeln einnimmt sehr genau beschrieben wird. Diese Bewegungen sollten sich gut anfühlen, wenn man sie beherrscht, vielleicht ähnlich wie beim Tai-Chi oder Aikido. Man sieht im Tawoo Dojo meistens eher Gesichter die große Freude beim Trommeln ausdrücken als schmerzverzerrte Gesichter von Spielern, die noch das letzte an Kraft aus sich herausholen müssen um das Stück zu Ende spielen zu können. Aber, und das ist der Punkt, diese Bewegungen die Kaoly da erklärt, müssen dann bei den Schülern auf keinem Fall genauso aussehen wie bei Kaoly, sondern werden dann von jedem Schüler auf seine Art umgesetzt. Schliesslich bringt jeder einzelne Mensch (auch die Japaner) völlig andere Voraussetzungen mit zum Trommeln, kein Körper gleicht dem anderen und somit wäre es zumindest fragwürdig, wenn man von allen Spielern genau dieselben Bewegungen erwarten würde. Man kann also im Tawoo Dojo eine große Bandbreite von unterschiedlichen Spielertypen sehen, vom eher männlich steifen aber sehr kraftvollem Spieler/in bis hin zum sehr weichen, weiblichen Spieler/in, mit äusserst fliessenden Bewegungen. Diese unterschiedlichen Spielertypen entwickeln also nicht nur ihren eigenen Bewegungsstil (basierend auf den Grundlagen des Tawoo-Stils), sondern haben dann auch ihren eigenen, ganz persönlichen Ausdruck beim Trommeln. Diesen zu entwickeln und fördern, daß ist die Aufgabe die Kaoly als sehr wichtig empfindet und der sie mit großem Eifer nachgeht. Die Anerkennung der Unterschiedlichkeit aller Spieler (da jeder Mensch von Natur aus anders ist als die andere), finde ich eine der größten Errungenschaften des Tawoo Dojo, die ich ebenfalls versuche in Hamburg umzusetzen. Manch Zeitgenosse könnte jetzt die Frage stellen: Warum unterrichtet Kaoly denn die Bewegungen so genau, wenn es am Ende egal ist, wie jeder einzelne trommelt? Antwort: Egal ist es eben nicht, wie jemand trommelt, denn jeder sollte im Tawoo Dojo versuchen sich mit den Erklärungen von Kaoly auseinanderzusetzen und sie auch z.B. erstmal so gut wie möglich nachzuahmen.Denn dass Kaoly eine ungelenkige, technisch ungeschickte Taiko-Spielerin ist, kann man gerade nicht behaupten, sie ist eher das komplette Gegenteil davon. Insofern kann jeder etwas von Kaolys Bewegungen lernen. Aus der Auseinandersetzung mit den von Kaoly unterrichteten Bewegungen erfolgt dann die Entwicklung eines eigenen Stils. Man stellt mit der Zeit z.B. fest, dass manche Aspekte der Bewegungen für einen selbst sehr gut funktionieren, andere vielleicht weniger und man kann sich auch einen anderen fortgeschrittenen Spieler als Kaoly als Vorbild nehmen, und daraus entsteht dann der individuelle Stil jedes Einzelnen.

Somit habe ich schon ein bisschen übergeleitet zum Thema der Wahrnehmung. Dies ist ein anderes wichtiges Element in Kaolys Unterricht. Nicht nur beim Taiko, auch in vielen anderen Bereichen spielen die Sinne bzw. die Wahrnehmung eine wichtige Rolle. Ein Produktdesigner z.B. kann in der Regel kein erfolgreiches Produkt entwickeln, wenn er nicht ein Gespür dafür entwickelt, was den Kunden gefällt bzw. von ihnen gebraucht wird. Er muss also dafür nicht nur still vor sich hinentwickeln sondern seine Wahrnehmung z.B. in seinem eigenen Alltag schärfen, was den Leuten vielleicht gerade fehlt. Wer das nicht macht, wird vielleicht auch sein Produkt verkaufen können, aber es wird vielleicht kein Kassenschlager. Ein Comedian ist oft dann besonders witzig, wenn er eine aufmerksame Wahrnehmung seiner Umwelt hat, sie also sehr genau beobachtet. Andere Komiker bringen vielleicht auch Leute zum Lachen, aber die bei denen man sich fast auf dem Boden wälzt vor Lachen sind oft die, die eben eine besonders gute Wahrnehmung haben.

Ohne als Kritiker der modernen Zeit dazustehen (der seinen Internet-Blog auf dem neusten Notebook schreibt), aber die konzentrierte Wahrnehmung unserer Umwelt wird uns heute durch viele Dinge schwierig gemacht. Computer, Handys, Fernsehen, Werbung, der MP3-Player im Ohr, die moderne Zeit bietet viele Möglichkeiten sich abzulenken und mit vielen Dingen gleichzeitig zu beschäftigen. Mails checken, gleichzeitig die Glotze laufen haben, Anrufe entgegennehmen und ständig die neusten Nachrichten im Internet. Nichts von diesen Dingen ist von sich aus schlecht, aber anstatt sich intensiv auf eine dieser Tätigkeiten zu konzentrieren, haben wir mehrere davon gleichzeitig laufen, was auch unsere Wahrnehmung betäuben kann, so dass die Welt an uns vorbeizieht. Früher ohne moderne Technologien war es sicher einfacher, sich zu konzentrieren und seine Umwelt intensiver wahrzunehmen.

Auch beim Taiko bieten sich viele unterschiedliche Sinneseindrücke. Die Mittrommler, der Lehrer, die Bewegungen, der Rhythmus, das Zusammenspiel, es gibt soviele Dinge auf die man achten muss. Auch da fällt es schwer, sich nur auf eines dieser Dinge zu konzentrieren und dadurch die eigene Wahrnehmung zu schärfen. Wer durch all diese Eindrücke überfordert ist, der hat wenig vom Unterricht, da alles mehr oder weniger an ihm vorbeizieht, und statt allem, kaum etwas hinterher hängengeblieben ist. Also ist es eine Aufgabe des Taiko-Lehrers, und das ist eine Sache die Kaolys Paradedisziplin ist, die Konzentration aller in einer Taiko-Übung auf einzelne Aspekte des Trommelns zu lenken. Sich z.B. während man einen relativ einfachen Rhythmus spielt, sich nur auf die Bewegungen der rechten Hand zu konzentrieren. Timing oder andere Dinge versucht man dann auszublenden und sich nur auf diese eine Sache zu konzentrieren. Dies ein wirklich wichtiger Weg um Lerneffekte zu erzielen und auch wirklich Fortschritte im Detail zu erreichen. Ein Lehrer der „nur“ Rhythmen unterrichtet, dessen Schüler lernen auch etwas, aber die Lerneffekte werden nicht so tiefgehend sein.

Wie ist das mit der Konzentration in Deutschland? Ich denke es sieht eher schlecht aus. In der deutschen Kultur kenne ich keine Art, Konzentration zu üben und zu verbessern. Daher werden solche Übungen z.B. aus Japan importiert, nehmen wir nur das Kyudo (japanisches Bogenschiessen). Eindrucksvoll erlebt haben wir das mit dem Kion Dojo beim Auftritt bei der Kyudogruppe Wardenburg im Juni. Die Japaner sind sich also meiner Meinung nach der Bedeutung der Konzentration wesentlich mehr bewusst als die Deutschen. Obwohl auch Japan ein Land vieler Ablenkungsmöglichkeiten ist, ist die Übung von Konzentration in der Kultur tief verankert. Viele westliche Ausländer sind akustisch und visuell oft überfordert, wenn sie nach Tokyo kommen, so grell, bunt und laut ist es dort. Ihre Sinne werden von so vielen Eindrücken überflutet, die sie nicht bewerten, bewusst wahrnehmen oder ignorieren können. Das ging und geht mir auch heute noch oft in Japan so. Man kann es kaum glauben, wenn man in ein Elektronikgeschäft in Japan geht, was dort alles piept, blinkt, aus Lautsprechern tönt, an jeder Ecke so daß daraus ein riesiger Geräuschteppich wird. Viele Japaner aber (klar, sie kennen es auch meist kaum anders), scheinen in all diesen Menschenmassen, akustischen und visuellen Eindrücken erstaunlich ruhig und gelassen zu bleiben. Sie haben gelernt, die Konzentration nur auf das für sie für den Moment Wichtige zu lenken, und andere Eindrücke auszublenden.

Wieder zurück zum Taiko, selbst wenn der Lehrer die Übungen schon auf das Üben von wenigen wichtigen Elementen reduziert hat, kann das immer noch zu viel für den einen oder anderen sein, da er trommelt, und versuchen muss, gleichzeitig genau wahrzunehmen. Aus diesem Grund gibt es dann in Japan eine Lernmethode, für die es auf deutsch nicht mal ein passendes Wort gibt: „Kengaku“. Das Fehlen eines passenden Begriffs könnte man schon als Hinweis auf das Fehlen dieser Lernform überhaupt deuten. Ich übersetze Kengaku mal als „sehendes Lernen“. Man trommelt also selbst nicht, sondern sieht „nur“ zu. Durch die Reduzierung von Eindrücken und gleichzeitigen Aufgaben kann man also die Konzentration auf das eine noch verstärken. Zusehen, das schaffen auch wir in Deutschland, die Frage ist eben WIE man zusieht. Begreift man das Zusehen als eher passive Unterhaltung ist der Lerneffekt natürlich eher marginal. Wenn man aber ganz bewusst und konzentriert beobachtet, und seine Aufmerksamkeit dabei auf verschiedene Dinge bei den trommelnden Personen lenkt, dadurch eigene Erkenntnisse zieht und beim eigenen Trommeln dann umsetzen kann, dann kann man alleine durch das vermeintlich passive Zusehen unglaublich viel lernen.

Dies ist ein wichtiger Aspekt neben den anderen den Kaoly immer wieder betont. Sie war auch so nett, die Lehrmethoden über die wir gesprochen hatten in der darauffolgenden Übung gleich umzusetzen. Etwa ein halbe Stunde der fast 3-stündigen Übungszeit verbrachten die noch weniger erfahrenen Schüler im Tawoo Dojo sitzenderweise mit Kengaku, indem sie die trommelnden Spieler sorgfältig beobachteten. Als unverzichtbarer Teil des Taiko-Unterrichts, werde ich also ab jetzt auch im Kion Dojo versuchen, den Anteil des Kengaku zu erhöhen, auch wenn es für manche der Sinn vielleicht nicht sofort deutlich wird.

Dies sind einige der Aspekte, die den Tawoo Dojo zu dem machen, was er ist. Aber nicht nur dort, sondern auch an anderen Orten an denen Taiko geübt wird, können diese Methoden sehr viel zu einem guten Unterricht beitragen!

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