Nippon-Report

NATURGEWALTEN, ÜBERBEVÖLKERUNG und MODERNE TAIKO-GROOVES

von Ingmar Kikat

(Hinweis: Diesen Text habe ich im Dezember 2004 nach den ersten 3 Monaten meines 16-monatigen Japanaufenthaltes geschrieben)

Auf nach Japan

Wie kommt man auf die Idee, für mindestens ein Jahr nach Japan zu gehen und dort zu leben, lernen und zu arbeiten? Das werden sich vielleicht manche fragen, die diesen Nippon-Report lesen.

Nun, in Hamburg hatte ich drei Jahre lang Japanologie studiert und in dieser Zeit japanisch gelernt und einige Seminare über verschiedene Japan-Themen belegt.

In dieser Zeit ergab sich für mich auch zum ersten mal die Möglichkeit, selbst das japanische Trommeln auszuprobieren. Ilka Burgdörfer war gerade aus Japan zurückgekehrt und hatte voller Trommel-Begeisterung eine Taiko-Gruppe bzw. die Anfänge einer Taiko-Gruppe ins Leben gerufen, zur selben Zeit als ich gerade meine ersten Sprachlabor-Übungen in japanisch an der Hamburger Uni absolvierte. Vorher hatte ich über 10 Jahre Percussion und Schlagzeug der verschiedensten Musikrichtungen gespielt, von selten gehörter Schlagzeugensemble-Musik, über Klassik bis hin zu von King`s X – beeinflusstem Progressive-Alternative-Groove-Rock, und Taiko hatte ich auf zwei kurzen eher „zufälligen“ Japanreisen kennen gelernt, bevor ich in Hamburg die vergleichsweise dicken Taiko-Stöcke in die Hand nahm. Mit der Zeit wurde aus der Hamburger Spontan-Versammlung eine Taiko-Gruppe, aus „Doki Doki Daiko“ wurde „Tengu Daiko“, und da Ilka die Verantwortung für solch ein Projekt abgeben wollte übernahm ich wegen meiner Schlagzeugerfahrung die
Leitung der Proben. Es kamen mehr und mehr Auftritte, Proben und Workshops – das Trommeln wurde eine Beschäftigung, die einiges von meiner Zeit in Anspruch nahm und dabei sehr viel Spaß (und auch ein bisschen Mühe) machte! Dieser Prozess war bei Tengu Daiko in der Anfangszeit nicht unbedingt bewusst gesteuert, sondern ergab sich mehr oder weniger von selbst.

Da die wissenschaftlich-akademische Kopfarbeit an der Uni meinem persönlichen Profil wenig gerecht wurde (vornehme Formulierung für: „ich war ein fauler Student“) und das japanische Trommeln mir sehr wichtig geworden war, suchte ich nach einer Möglichkeit, für mindestens ein Jahr nach Japan zu kommen. Denn nur in Japan kann man die japanische Art zu Trommeln im Umfeld der japanischen Kultur mit allem was dazu gehört lernen. Auch sonst reizte mich schon länger der Gedanke, eine Weile in Japan zu leben, mit all den neuen Erfahrungen, die das mit sich bringt.

Wo ließe sich das Trommeln wohl am besten lernen? Die Tokyoter Gruppe „Gocoo“ war zwei mal in Hamburg aufgetreten und hatte für freudig aktive Tanzbeine und „Applaushände“ gesorgt. Nachdem Oliver Reichelt dem Tawoo Dojo in Tokyo, in dem Kaoly Asano und andere Gocoo-Mitglieder unterrichten, bei einem kürzeren Japanaufenthalt einen Besuch abgestattet hatte, entschied ich mich, ebenfalls dorthin zu gehen. In Kawasaki, praktisch „um die Ecke“, ergab sich außerdem die Möglichkeit bei einer befreundeten Gastfamilie unterzukommen. Mit einem Working Holiday-Visum machte ich mich Anfang September auf nach Tokyo!

Seitdem sind schon ein paar Monate vergangen, und ich hatte Zeit mich an das japanische (Un-)Wetter, die Japaner und die japanischen Eigenarten zu gewöhnen. Neben dem Trommeln im Tawoo Dojo, über das ich unter anderem im folgenden noch genauer berichten werde, besuche ich noch einen Japanischkurs und gebe ein bisschen privaten Englisch-und Deutschunterricht, um das arg teure Bahn fahren in Tokyo zu finanzieren. Es geht mir gut, sofern nicht gerade Erdbeben der Stärke fünf (!) das Haus wackeln lassen!

Tawoo Dojo, modernes Taiko im Herzen Tokyos

Der Tawoo Dojo bietet jedem in Tokyo die Möglichkeit, Taiko im Stil von Tawoo bzw. Gocoo zu lernen. Die Leiterin des Tawoo (eigene Schreibweise von „Tao“) Dojo ist Kaoly Asano, und mit ihr unterrichten auch andere Mitglieder der Profi-Gruppe Gocoo im Dojo. Dass hier mehr als eine Lehrerin gebraucht wird, wird einem deutlich, wenn man hört das der Tawoo Dojo ca. 400 Mitglieder hat, davon ca. 100 aktive Mitglieder. Diese erscheinen allerdings nicht alle gleichzeitig und zu jeder Probe, sondern es kommen in der Regel 20 bis 30 Leute zu den Unterrichtsstunden, die 2-4 die Woche angeboten werden. Dabei wechselt der Unterrichtsort jedes Mal zwischen 3 verschiedenen Räumen, einen ausreichend großen Probenraum in Tokyo dauerhaft zu mieten, wäre wohl unbezahlbar! Da die Trommeln jedes Mal zu den Proben transportiert werden müssen, haben sich Kaoly Asano und Co. einen Trick ausgedacht: Die meisten Okes (=Okedo, Trommel mit dünnem zylindrischem Korpus, normalerweise mit Schnurspannsystem) haben nur eine mit Fell bespannte Seite, und es gibt sie in drei Größen. So können die Trommeln für den Transport ineinander gesteckt werden, es passen 2 Shime-Daikos und 2 kleinere Okes in eine große Oke. Kompakt verpackt können so sämtliche Trommeln und Ständer für 30 und mehr Leute in einem japanischen Kleinbus transportiert werden, sehr raffiniert die Japaner! Taiko im Stil des Tawoo Dojo unterscheidet sich etwas von den eher (sofern man diesen Begriff benutzen kann) „traditionellen“ Taiko-Gruppen. Bewegungen und Schlagtechnik sind anders, und auch auf musikalischer Ebene gibt es einige Unterschiede.

Schlagtechnik und Bewegungen

Im Taiko-Stil des Tawoo Dojo wird Wert auf runde, fließende Bewegungen gelegt, der pure Einsatz von Muskelkraft führt dabei nicht zum Ziel. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Art Taiko zu spielen weniger energiegeladen ist oder weniger Körpereinsatz erfordert als „herkömmliches Taiko“. Der Stand ist nicht so tief wie bei den meisten Taiko-Stilen, sondern locker und mit leicht gebeugten Knien, so dass man auch in der vertikalen Ebene beweglich ist. Die Haltung der Stöcke ist locker, die Bewegungsfreiheit der Stöcke innerhalb der Hände ist ausdrücklich erwünscht.

Holt man nun für einen Schlag aus, wird der Bachi (Stock) samt Arm nicht etwa senkrecht in die Höhe gestreckt, sondern wird vor dem Körper angehoben, wobei Bachi und Arm sich eher einer horizontalen Linie annähren. Anstatt dass Bachi und Arm als relativ starre Einheit auf die Trommel treffen, machen sie eine wellenartige Bewegung wie bei einer Peitsche. Der ganze Schlag wird außerdem von der ganzen Körperspannung unterstützt – weniger Muskelspannung als Körperspannung (das Erklären dieser Schlagtechnik ist nicht ganz einfach, am besten man kommt in den Tawoo Dojo und probiert sie selbst aus!).

Es wird außerdem ein Unterschied in der Technik für langsame und schnelle Schläge gemacht. Weil bei langsamen Tempi naturgemäß mehr Zeit zum Ausholen bleibt und für eine große Lautstärke automatisch gesorgt ist, muss dies bei schnellen Tempi irgendwie anders erreicht werden. Dafür wird bei der Tawoo-Technik, neben einigen anderen Aspekten, der Bachi hauptsächlich zwischen Daumen und Mittelfinger (!) gehalten. So kann sich der Stock um diese Achse nach hinten und vorne frei bewegen. Im Moment des Fellkontakts greift jedoch die ganz Hand den Bachi, da er sonst durch den Aufprall leicht außer Kontrolle geraten würde. Das ermöglicht ein kräftesparendes aber zugleich sehr dynamisches Taiko-Spiel. Diese Technik ähnelt auch der Trommeltechnik vieler Drummer und Schlagzeuger, und ist so gesehen vielleicht nicht „rein“ japanisch.

Ich musste mich auch erstmal an diese Technik gewöhnen, denn sie unterscheidet sich doch etwas von der, die ich bei Tengu Daiko benutzt habe. Langsam erkenne ich aber auch die Vorzüge der Tawoo-Technik. Unter Show-Aspekten gesehen, ist sie vielleicht weniger tauglich, als die Bachi-gerade-nach-oben-Technik, aber die Prioritäten bei Tawoo und Gocoo sind auch anders, und zu beiden passt diese Schlagtechnik sicherlich hervorragend!

Rhythmen und Stücke

Manch einer wird vielleicht sagen, Gocoo und Tawoo seien kein „echtes Taiko“. Neben der schwierigen Definitionsfrage, was denn nun „echtes Taiko“ sein soll, liegt für mich, musikalisch betrachtet, die Grundlage der Stücke und Rhythmen die im Tawoo Dojo gespielt und gelehrt werden durchaus bei traditioneller japanischer Trommelmusik, so wie sie von vielen japanischen Gruppen gespielt wird.

Dabei sind die Rhythmen aber oft vielschichtiger und komplexer. Das stellt sich z.B. so dar:

Während es bei anderen Taiko-Stücken beispielsweise einen durchgehenden Grundrhythmus auf der Shime-daiko gibt, wozu der Hauptrhythmus oder das Thema auf den Miya- und O-daikos gespielt wird, gibt es im Tawoo Dojo statt des Shime-Grundrhythmus eine Stimme für ein Oke-Shime Setup. Diese Stimme besteht aus schnelleren Rhythmen, die teilweise grundrhythmusartig sind, aber auch sehr melodisch, da zwei Trommelgrößen zum Einsatz kommen. Dazu kommt dann gelegentlich noch eine dritte Stimme. Rhythmusüberlagerungen in mehreren Stimmen im Gegensatz zu eher einstimmigen „Geradeaus“-Patterns im traditionellen Taiko erhöhen die rhythmische Komplexität in den Stücken des Tawoo Dojo. Vor allem bei Gocoo kommt dazu noch der Einsatz vieler verschiedener Percussioninstrumente, die somit die Klangfarben der Trommeln ergänzen. Zusammen mit einer starkenBeachtung der Ausführung der Dynamik und der Akzente, ergibt das alles sehr interessante und groovige Stücke. Sicherlich gehören Gocoo zu den rhythmisch anspruchsvollsten Taiko-Gruppen, und der Tawoo Dojo steht dem in nichts nach. (Wem diese Erklärung zu theoretisch war und die Musik von Tawoo und Gocoo noch nicht näher gebracht hat, höre und sehe sie sich auf der Gocoo-Website an!)

Lehrmethoden im Tawoo Dojo

Zuerst möchte ich festhalten, dass die Tawoo-Leiterin Kaoly Asano, eine durchaus sehr charismatische, beeindruckende Persönlichkeit ist, die ihr musikalisches Handwerk bestens versteht. Mit Gocoo und dem Tawoo Dojo hat sie einen eigenen Taiko-Stil geschaffen, den es sicherlich nicht so schnell ein zweites mal gibt! Dementsprechend gibt es viele begeisterte Schüler (in der Mehrzahl weiblich), die zu den mehrmals wöchentlichen Proben erscheinen. Wegen der großen Schülerzahl gibt es auch einige Assistenz-Lehrer, die Kaoly unterstützen. So kann sie die Hauptleitung des Unterrichts übernehmen, z.B. einen neuen Rhythmus vorspielen, Bewegungsabläufe erklären usw, während sich die Assistenz-Lehrer um einzelne Schüler bzw. eingeteilte Gruppen kümmern, denen sie entsprechend ihrem Lernfortschritt helfen. Da es in den Stücken leichte sowie anspruchsvolle Stimmen gibt, ist es so möglich, dass Anfänger, Fortgeschrittene und auch bei Gelegenheit Gocoo-Mitglieder zusammen proben können. Die eiserne Strenge und Disziplin, die man vielleicht fälschlicherweise klischeehaft mit japanischem Trommeln in Verbindung bringt, findet man im Tawoo Dojo nicht. Der Unterricht ist durchaus locker und humorvoll, trotzdem aber konzentriert und effektiv. So werden einzelne Rhythmen und Patterns sehr lange geübt, bis zu einer Stunde durchgehend. Dadurch können sie sehr gut verinnerlicht werden und auch langsamere Lerner haben genügend Zeit, die Rhythmen zu lernen. Überhaupt scheint dies eine sehr japanische Lehrmethode zu sein. In Deutschland wird von einem Lehrer eventuell erwartet, seine Schüler ständig zu unterhalten, ihnen ständig neuen Stoff zu bieten und sie ja nicht mit zu vielen Wiederholungen zu langweilen. In Japan hingegen, meine ich, hat man gut verstanden, dass zum Lernen, sei es Taiko oder was auch immer, die Wiederholung gehört, denn nur so können Lerninhalte wirklich gut und für eine lange Dauer aufgenommen werden! Das hat auch den Nebeneffekt, dass der Lehrer sich weniger unter Druck fühlen muss. Im Fall von Kaoly Asano habe ich den Eindruck, dass ihr das Unterrichten nicht die geringste Mühe macht. Indem sie den Unterrichtsablauf ihrem persönlichen Naturell, ihrer Geschwindigkeit und ihrem inneren Wohlbefinden nach gestaltet, anstatt einem imaginären Bedarf der Schüler nachzugehen, kann sie auf eine sehr entspannte Art unterrichten, was ihr selbst augenscheinlich auch gut tut und eine sehr positive Lernatmosphäre schafft.

Musik ohne Noten

Als Mitglied im Tawoo Dojo hat man die Möglichkeit, den Gocoo-Proben als Zuschauer beizuwohnen und dabei zu lernen. Dies habe ich seit ich in Japan bin schon einige Male in Anspruch genommen. Auf japanisch heißt diese Form des Lernens „kengaku“ und besteht aus den Schriftzeichen für „Gucken“ (=ken) und „Lernen“ (=gaku). Einen entsprechenden deutschen Ausdruck dafür gibt es wohl nicht, was vielleicht ein Hinweis auf eine besonders japantypische Lernform seien könnte.

So werden im Tawoo Dojo und bei Gocoo (wie auch sonst im Taiko üblich) Stücke von vornherein ohne Noten gelernt, also ausschließlich über Zusehen, Zuhören, Nachmachen und Wiederholen. Das ermöglicht den Spielern ohne den Umweg über Noten das Trommeln zu lernen, und führt zu einer natürlichen und freien Spielweise. Mit Sicherheit bietet sich hierfür eine physische und musikalische Tätigkeit wie das Trommeln besonders an, eine chemische Formel könnte man auf diese Art sicherlich nicht gut lernen. Dennoch besteht für mich ein großer Unterschied in der japanischen und der deutschen Art der Vermittlung von Musik. In Deutschland kann man behaupten, zumindest was klassische Musik angeht, dass die Noten die Grundlage beim Lernen und Aufführen der Musik sind. So bekam ich in der Zeit, in der ich in Deutschland (klassisches) Schlagzeug spielte, bevor ich auch nur einen Ton eines Stückes spielte, die Noten in die Hand gedrückt. Aus solch einer eher abstrakten Vorgabe, wird nun Musik. Die Aufgabe des Musikers ist es, die Noten in seiner Weise zu interpretieren. In den meisten Fällen aber liest der Musiker bei der Aufführung des Stücks immer noch aus den Noten, er muss zwar nicht mehr jeder einzelnen Note Aufmerksamkeit schenken, aber seine Augen kleben mehr oder weniger die ganze Zeit am Papier. Ich habe das immer als eine gewisse Einschränkung der Freiheit beim Spielen empfunden. Auch wenn man das Stück prinzipiell auswendig spielen könnte, lässt man doch noch zur Sicherheit die Noten auf dem Notenständer liegen, man könnte ja sonst doch noch irgendwie rauskommen. Natürlich muss man einen Unterschied machen zwischen einem klassischen Stück, das vielleicht eine halbe Stunde dauert und aus höchst komplexer Musik besteht, und einem Jazz-oder Rocksong, der eingängig und kurz ist, und fast nur aus Wiederholungen besteht. Generell aber würde ich dem Aufführen mit Noten, immer das Aufführen ohne Noten vorziehen. Dies erfordert zwar ein längeres und intensiveres Üben, um die musikalischen Abläufe in den Kopf zu bekommen, dafür aber ist man beim Spielen frei, und kann sich ganz dem Moment der Musik widmen und muss keine Kapazitäten zum Notenlesen aufwenden. Kein Wunder, dass in eher „bauchgesteuerter“ Musik wie Jazz oder Rock kaum Noten gebraucht werden, bei Musik, die im Kopf entstanden ist wie bei der Klassik aber schon.

Taiko war von Anfang an frei von Noten (wenn es auch für andere traditionelle japanische Musik Notationen gibt und Taiko-Stücke inzwischen auch aufgeschrieben werden). Dies hat sicherlich die Art der Musik, die Vermittlung und die Aufführung anders beeinflusst, als wenn es von Anfang an Noten oder Ähnliches gegeben hätte. Früher hatte ich eher Angst davor, ein Stück auswendig aufzuführen, seit ich Taiko mache, habe die Vorteile des Aufführens ohne Noten schätzen gelernt. Man stelle sich auch mal ganz nebenbei einen Taiko-Spieler mit Notenständer vor seiner Trommel vor, ein komisches Bild!

Gocoo, die etwas andere Taiko-Gruppe

Gocoo ist eine Taiko-Gruppe, deren Erscheinungsbild eher nicht dem vieler anderer Taiko-Gruppen entspricht, also große Trommeln, sportlich muskulöse Spieler, die traditionell anmutende Kleidung tragen, und ein stark auch nach visuellen Gesichtspunkten ausgerichtetes Trommelspiel. Die Auftritte von Gocoo erinnern beim ersten Mal vielleicht eher an ein Rockkonzert oder an eine ausgelassene afrikanische Trommelsession mit starker Publikumsbeteiligung. Anstatt auf möglichst synchrone und bis ins Detail ausgearbeitete Choreographien, legt man bei Gocoo eher Wert auf eine lebendige „Live“ Show, in der auch Improvisation und die individuell verschiedenen Charaktere der Mitspieler Platz haben.

Gocoo im Vergleich zu „klassischem“ Taiko

Wie probt und lebt eine eher untypische Taiko-Gruppe wie Gocoo? Hier möchte ich versuchsweise mal den Vergleich zu Yamato hinzuziehen, denn mit Tengu Daiko hatten wir zwei mal die Gelegenheit bei den Proben von Yamato zuzuschauen. Dies hat uns sicher nur einen kleinen Eindruck von der „yamatoschen“ Art zu Proben gegeben, aber vielleicht reicht es für einen Vergleich. Auch haben sicherlich viele der Leser dieses Reports Yamato auf ihren letzten Touren in Deutschland gesehen, und haben somit einen Eindruck dieser Gruppe bekommen.

Wie man unter anderem in dem Tour-Report ihrer Website nachlesen kann, gehen Yamato jeden Morgen gemeinsam joggen. Das mag ihre Musikalität nicht verbessern, aber für die Fitness, die man für ihre Art zu trommeln benötigt, ist das sicherlich gut. Auch bei Kodo und Ondekoza stellt ja das Laufen einen wichtigen Teil ihres Taiko-Trainings dar, bei Ondekoza scheint es sogar ein grundlegendes Element ihrer Taiko-Philosophie zu sein. Nach dem morgendlichen Sport also, der auch Dehn-und Kraftübungen enthält, proben Yamato den Rest des Tages gemeinsam. Dabei umfassen ihre Proben wohl viele unterschiedliche Übungen, von Übungen für die Bühnenpräsenz, über Technikübungen, bis zum ausgiebigen Feilen an einzelnen Abschnitten ihrer Stücke. Letztere stammen, soweit es mir bekannt ist, zum größten Teil aus der Feder von Masa Ogawa. Er ist somit auch die Autorität bei Yamato, wie auch der künstlerische Leiter. Bis zu 9 Monate im Jahr verbringen Yamato auf Tour im Ausland, ca. 3 Monate im Jahr verbringen sie zur Vorbereitung ihrer Touren in Japan. Somit haben sie sich ganz dem Bühnenleben gewidmet. Bestimmt werden sie nicht bis ins hohe Alter auf diese Art um die Welt jetten, aber für eine gewisse Zeit ist das ihre Art zu leben.

Gocoo verbringen nicht ganze Monate und Jahre miteinander, sondern ihre Proben finden meistens nur zwei mal in der Woche statt. Die Touren von Gocoo dauern selten länger als einen Monat. Somit herrscht bei Gocoo schon grundsätzlich eine andere Arbeitsweise als bei Yamato. Was bei beiden Gruppen aber zunächst ähnlich ist, ist das Üben einzelner Abschnitte, wie z.B. 2 Takte aus einem Stück, die unendliche Male wiederholt werden. Das kann bei Gocoo schon mal eineinhalb Stunden dauern, eineinhalb Stunden in denen ein Abschnitt mehr oder weniger zur Perfektion getrieben wird, so dass er ins Körpergefühl übergeht und nicht mehr aus dem Kopf abgerufen werden muss. Dabei wird dieser Abschnitt aber nicht wie eine Ausdauerübung ununterbrochen gespielt, sondern die Spieler wechseln sich dabei ab, es spielen meist 2 gleichzeitig. So können sie sich gegenseitig zuhören, sich verbessern und haben auch Zeit, sich zwischendurch auszuruhen, denn die Musik von Gocoo ist in vielerlei Hinsicht herausfordernd. Trotzdem wird bei Gocoo weniger Wert auf gemeinsame sportliche Betätigung oder die Herausbildung eines gestählten Körpers gelegt. Die Stücke bei Gocoo werden von unterschiedlichen Mitgliedern geschrieben und in der Gruppe arrangiert. So kommt es in den Proben auch schon mal zu längeren Phasen, in denen verschiedene Arrangements ausprobiert und viel diskutiert wird. Dabei ist Kaoly Asano der Mittelpunkt und gibt den Hauptton in den Proben an. Als Gründerin und Chefin von Gocoo ist sie die Respektsperson, wbei sich aber trotzdem jeder kreativ in die Gruppe einbringen kann.

Zusammengefasst könnte man es so ausdrücken: Yamato ist ein Show-Ensemble, das ausgearbeitete Bühnenaction gepaart mit wohlgemerkt hervorragender Trommelmusik präsentiert. Dabei liegt der Schwerpunkt bei Yamato beim Touren, regelmäßige Workshops oder Unterricht haben sie anscheinend schon seit einigen Jahren nicht mehr im Angebot. Die Disziplin, die das ausgiebige Touren im Zusammenleben, Proben und Aufführen verlangt, erreichen Yamato durch ihren strengen Tagesablauf mit Sport, gesunder Ernährung und dem Bekenntnis zum Gruppenleben. Gocoo ist ein „Live“-Ensemble, um diesen Begriff im Gegensatz zum „Show“-Ensemble zu benutzen. Ein Gocoo-Konzert lebt von dem Moment, in dem die Musik entsteht, obwohl die Stücke zum grössten Teil wie bei Yamato festgelegt sind, und nicht sehr frei, wie etwa im Jazz. Gocoo-Konzerte sind auch optischansprechend, aber es steht doch eher die Musik und der live produzierte „Vibe“ im Vordergrund. Yamato ist die Balletaufführung, Gocoo das Rockkonzert.

Gocoo haben als Grundlage ihres musikalischen Schaffens den Tawoo Dojo und leben in Tokyo, was die Musiker und die Musik sicherlich anders beeinflusst. Auch machen sie keine 9-monatigen Welttourneen, was meiner Meinung nach bei den Auftritten von Gocoo immer eine gewisse Frische zur Folge hat. Bei meinem letzten Konzert von Yamato, im August diesen Jahres in Hannover, überkam mich das Gefühl, bei allem Spaß und bei der Energie die die Trommler zum Publikum übertragen, eine perfekt eingeübte Show zu sehen, wie eine Musicalproduktion, die überall in der Welt in fast gleicher Form aufgeführt wird. Fast nichts blieb dem Zufall überlassen, und auch wenn die Show von Yamato auf ihrer Europa-Tour 2004 einige neue Stücke und Elemente enthielt, war sie doch über weite Strecken bis in die Details exakt gleich wie im Jahr zuvor. Gocoo geben weniger Konzerte, dafür sind diese aber voll von Spontanität und unbändiger Spielfreude, die mir authentischer und weniger „eingeübt“ erscheint als bei Yamato.

Konzertkritik: Gocoo + Goro im „Sweet Basil“, Tokyo, 14.11.2004

Meistens finden die Auftritte von Gocoo in Clubs, Live-Häusern oder bei Festivals statt, wo dann gestanden und oft ausgelassen getanzt wird. Diesmal war es anders, denn bei ihrem Auftritt am 14.11 in Tokyo spielten Gocoo im „Sweet Basil“, einem mit Sitzplätzen und Tischen ausgestattetem Live-Restaurant. Das Sweet Basil befindet sich in Roppongi, einem der trendigen Szeneviertel Tokyos, mit vielen Bars und vermutlich dem größten Ausländeranteil Tokyos. Die Karten waren bald ausverkauft und so waren auch die Tische an diesem Abend voll besetzt. Was mir jedoch nicht ganz so gut gefiel war die Anordnung jener Tische, nicht etwa locker verteilt wie vielleicht in einer Jazz-Kneipe, sondern in langen Reihen aufgebaut, was mich im ersten Moment an deutsche Karnevalssitzungen im Fernsehen erinnerte. Pünktlich 2 Stunden vor Beginn des Konzerts war Einlass, so dass genug Zeit blieb, die Küche des Sweet Basil zu testen. Bedauernswerterweise war die Menüauswahl selbst für japanische Verhältnisse recht teuer. Man bekam z.B. für umgerechnet ca. 10 Euro eine Pizza, die ihrer Größe nach in Deutschland wohl den ehrwürdigen Titel „Mini“ oder „Kinderpizza“ tragen würde. Aber was soll’s, in Japan nimmt halt lieber kleine Häppchen zu sich, dafür dann aber viele kleine Häppchen. Es waren dann hoffentlich alle satt, als Gocoo um 19:00 die Bühne betraten.

Das erste Stück fing sehr leise und geheimnisvoll an, es folgte ein langer Spannungsaufbau, der in einer Rhythmusexplosion gipfelte. Ein sehr gelungener Einstieg für ein Konzert, das fast 3 Stunden dauern sollte und alle „Hits“ und Highlights aus dem Programm von Gocoo sowie 2 neue Stücke enthielt. An der Performance von Gocoo habe ich so gut wie nichts zu bemängeln, daher folgt hier sogleich die Lobeshymne: (Fanfare…) FANTASTISCH! Gocoo sind Live einfach ein Erlebnis! Die Energie, die die Spieler ausstrahlen und die sich auf das Publikum überträgt ist schlicht unglaublich. Vom Anfang bis zum Ende leben die Spieler die Musik auf der Bühne und geben sich ihr ganz hin. Dabei ist die Vielfalt innerhalb des Programms groß, es gibt Abschnitte in denen Gocoo das Maximum an Power und Wucht aus ihren Trommeln rausholen und es gibt ruhige Abschnitte, die eher zum Entspannen (für die Hip-Hopper: „Chillen“) und bedächtigen Zuhören einladen. Es gibt dynamisch ausgefeilte Spannungsbögen und es gibt wahnsinnig tanzbare Abschnitte, in denen Gocoo grooven, als wären sie eine Mischung aus Samba-Parade und der Band von James Brown (vom Grad der Tanzbarkeit her betrachtet). Manch einer wird in einigen der Stücke möglicherweise auch einen durchgehenden Techno-Beat entdeckt haben, der Gocoo glaube ich den Ruf als „Techno-Taiko“ eingebracht hat, wie an manchen Stellen zu lesen ist. Solche Beats aber umspielen sie derart dynamisch und variantenreich, dass weitere Ähnlichkeiten zum eher „maschinellen“ Techno für mich kaum vorhanden sind.

Den Sound von Gocoo bereicherte diesmal als Gast wie schon oft Goro mit seinem Didgeridoo, der Kalimba, der Flöte und seinem Obertongesang. Dabei hätte ich mir manchmal gewünscht, dass Goro an manchen Stellen etwas kürzer getreten wäre, um den Trommeln von Gocoo den Vortritt zu lassen, denn für mich passten nicht an allen Stellen seine Klänge zu den Stücken von Gocoo. Unterstützt wurde Gocoo bei diesem Konzert außerdem von der handgemachten Lightshow von Shinkilow (sehr beeindruckend, mit in der Hand gehaltenen Folien und Spiegeln wurden ganz ähnliche Effekte wie mit einer üblichen Lightshow erzielt) und einer Videoshow, die meiner Meinung nach aber mit ihren Landschafts- und Naturaufnahmen, von ihrer Machart her nicht so recht mit der Musik von Gocoo harmonieren konnte. Hätte man sie weggelassen hätte es mich nicht gestört.

Den Höhepunkt fand für mich etwa in der Mitte des Konzerts statt, als Gocoo das Publikum zum Mitmachen durch Singen und Klatschen aufforderten. Denn in diesem Moment spürte man zum ersten Mal an diesem Abend die Anwesenheit des Publikums. Generell ist der Applaus in Japan nach meiner Erfahrung eher vorsichtig und kurz, aber selbst in Japan haben Gocoo denke ich schon mehr Publikumsbegeisterung gespürt als an diesem Abend. Mag es an der japanischen Zurückhaltung liegen oder daran, dass es nur Sitzplätze gab, bis auf ein kleines Grüppchen ganz hinten im Raum wagte es niemand von seinem Platz aufzustehen und zu tanzen. Mit den Japanern ist das so eine Sache, sagt man ihnen, dies ist ein Konzert mit Stehplätzen, tanzen sie durchaus ausgelassen, stellt man aber Stühle und Tische in den Raum, möchte niemand auffallen und gegen die „Regeln“ verstoßen, indem er aufsteht. So harrte auch ich an japanische Gepflogenheiten angepasst auf meinem Stuhl aus, in der Hoffnung, die Masse möge sich erheben und anfangen zu tanzen, was sie aber nicht tat.

Zum Abschluss spielten Gocoo das zweite neue Stück an diesem Abend mit dem Titel „Oto no hashira“=“Klangsäule“. Hier zeigten Gocoo noch einmal was in ihnen steckt, eine Groove-Nummer allererster Sahne! Als eines der schnelleren Stücke in ihrem Repertoire beginnt es mit verschachtelten Grooves, wobei die Akzente von einem Spieler zum anderen springen, es folgt ein leiser Abschnitt mit prasselnden Shime-daiko Einwürfen, der sich bis zum nächsten Refrain immer mehr steigert. Das ganze Stück über ziehen Gocoo das hohe mitreißende Tempo durch und es hinterlässt bei mir den Eindruck einer Ferrari-Dampfwalze (soviel zu dem Versuch, ein Stück von Gocoo in Worten zu beschreiben!). Danach schaffte es das Publikum mit seinem Applaus erstaunlicherweise, Gocoo noch einmal für eine Zugabe auf die Bühne zu holen, die wiederum keine Wünsche offen ließ!

Auch wenn man es von der Lautstärke des Applauses her nicht vermuten würde, hat dieses Konzert doch mächtig Eindruck im Publikum hinterlassen und Gocoo haben einige neue Fans hinzugewonnen. Für mich steht jedenfalls fest, dass ich Gocoo nächstes Mal lieber in einem Steh-Konzert erleben möchte, denn die Musik von Gocoo zwingt einen einfach zur Bewegung. Im Sweet Basil gab es aber so immerhin die Möglichkeit, Gocoo einmal in einer Live-Bar-Atmosphäre zu erleben. Für dieses Jahr ist wieder eine Deutschland-Tour in Planung. Wer also ein einmaliges Trommelerlebnis haben möchte, suche ein Konzert von Gocoo auf (ohne Stühle), es lohnt sich!

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2 Kommentare zu „Nippon-Report

  1. Der Zeigefinger hat auch viel zu tun, ist aber nicht der primäre Greiffinger. Die anderen Finger dürfen aber auch generell auch den Bachi berühren, nicht nur Daumen und Mittelfinger… Für eine richtig ausführliche Erklärung ist dann aber der Platz hier zu klein.

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