Der Tokyo Sky Tree ist der neue Fernsehturm in Tokyo und befindet sich derzeit im Bau. Er hat aber jetzt schon seine finale Höhe von 634 Metern erreicht. Er wird das zweithöchste freistehende Gebäude der Welt sein und nur vom Burj Khalifa in Dubai überragt werden. Ich bin in die Nähe der Baustelle gefahren und habe mir ein bisschen den Hals verrenkt um mir einen Eindruck zu verschaffen. Allzu klein ist dieser Turm jedenfalls nicht ausgefallen, soviel kann ich sagen.
Warum ist es so, dass manche Gesellschaften beim Bau von Gebäuden so sehr in die Höhe streben und manche nicht? Der Bau von Wolkenkratzern und Türmen kann ja aus verschiedenen Gründen geschehen. Sei es der Platzmangel wie in vielen asiatischen Großstädten oder in Manhatten, Prestigeobjekte für Unternehmen oder als Beweis ingenieurtechnischer Meisterleistungen.
Mich interessiert vor allem der letztgenannte Punkt. Wolkenkratzer als Symbol für übermenschliche Leistungen, höher und besser zu bauen als andere zuvor. An einem gewöhnlichen Bürohochhaus in irgendeiner Metropole dieser Welt mag sich das vielleicht weniger zeigen als an einem Projekt wie dem Sky Tree in Tokyo, der von fast überall in Tokyo aus sichtbar ist. In Tokyo sticht der Sky Tree mit seiner Höhe übrigens besonders heraus, da die durchschnittliche Höhe der Hochhäuser im Vergleich zu manch anderer Weltstadt aus Gründen der Erdbebensicherheit eher niedrig ist.
Die Tokyoter bauen also ihren 634 Meter hohen Sky Tree und was macht meine Wahlheimat Hamburg in dieser Hinsicht? In Sachen Hochhäuser ist Hamburg mit wenigen Ausnahmen eine praktisch platte Stadt. Immerhin gibt es den Heinrich-Hertz-Turm. Daß dieser aber seit über 10 Jahren nicht mehr für Besucher zugänglich ist, kann man aus meiner Sicht zumindest als Anzeichen deuten, wie wenig sich der gemeine Hamburger sich aus hohen Gebäuden macht. Als einzige deutsche Stadt bietet Frankfurt eine wirkliche Skyline. Ich habe aber bisher wenn ich mit jemandem über die Frankfurter Skyline gesprochen habe noch nie eine positive Äusserung darüber gehört.
Also sind die Deutschen generell hohen Gebäuden gegenüber feindlich eingestellt und kann man das vielleicht auch so deuten, daß der Wille über sich hinauszuwachsen, in gemeinschaftlicher Arbeit etwas Großartiges zu schaffen in Deutschland nur sehr gering ausgeprägt ist? In Amerika haben selbst kleine Provinzstädte eine kleine Skyline im Zentrum um Besuchern die Stärke und Pracht ihrer Stadt zu zeigen, von Asien brauchen wir gar nicht zu sprechen, und selbst in anderen europäischen Ländern ist die Hochhausdichte zumindest gefühlt wesentlicher höher als in Deutschland.
Vielleicht hat es ja mit einem tief gekränkten und nachhaltig geschwächtem Selbstbewusstsein der Deutschen nach dem 2. Weltkrieg zu tun? Mit solch großer Schuld belastet fällt es schwer neue Höchstleistungen anzustreben, wenn man gerade mit der Anzettelung eines Weltkrieges eine Höchstleistung im höchst negativen Sinne vollbracht hat. Die Japaner z.B. kennen diesen westlichen Begriff von Schuld weniger, was man z.B. im negativen Sinne am Mangel an Aufarbeitung der Kriegsverbrechen der Japaner in China und Korea sehen kann.
Wo die Gründe auch liegen mögen, so einfach möchte ich es mir natürlich nicht machen und den Japanern ausgezeichnete Motivationsfähigkeit, Anstrengung und Kooperationsfähigkeit zuzusprechen aber den Deutschen einen entsprechenden Mangel dieser Fähigkeiten. Natürlich kann eine Gesellschaft auch wenn sie nur sehr wenige Wolkenkratzer errichtet diesen Willen zur Weiterentwicklung haben und gleichzeitig einfach auf die weithin sichtbaren Symbole dafür verzichten. Und vielleicht stehen die vielen Wolkenkratzer in den Großstädten dieser Welt viel zu sehr für die Macht des Geldes und sind daher eher ein negatives Beispiel für Menschen, die nur ihren eigenen Vorteil im Sinn haben? Es ist wohl die Frage, ob man Wolkenkratzer aus politischer, wirtschaftlicher, oder architektonischer Sicht betrachtet.
Ich selbst war auf jeden Fall schon immer von Wolkenkratzern fasziniert, das mag vielleicht damit zu erklären sein, daß ich aus der Weltstadt Hannover komme. So habe ich also New York, Toronto, Tokyo und Hong Kong bereist, immer auf der Suche nach Höhe und Urbanität, die auf mich immer irgendeinen Reiz ausgeübt hat. Und ich habe ein bisschen versucht, die unterschiedlichen Stimmungen dieser Städte und ihrer Einwohner zu erspüren, die sicherlich auch ein Stückweit mit der Bauhöhe ihrer Städte im Zusammenhang steht.
Was Deutschland angeht, so wünsche ich mir, daß die Menschen zumindest in Köpfen im übertragenen Sinne mit dem Bau von Wolkenkratzern beginnen und nicht in ihrer alten schäbigen Hütte sitzenbleiben. Es reicht ja wenn es im Kopf geschieht! Der Wolkenkratzer muss ja nicht für Reichtum und Macht stehen sondern für Humanität und den Willen zur gesellschaftlichen Weiterentwicklung!



