Im Tawoo Dojo gibt es die unterschiedlichsten Arten von Übungen. So gab es am Donnerstag eine Chie+Kaoly Ren (“Ren” ist Abkürzung von Renshuu=Übung, für eine Begriffserklärung siehe unten). Chie ist ein langjähriges Tawoo-Mitglied und übernimmt seit längerer Zeit assistierende Aufgaben, z.B. wenn Gocoo auf Tour sind und daher keinen Unterricht in Tokyo geben können.
In der Chie+Kaoly Ren, die etwa einmal im Monat stattfindet gibt es eine ganz besondere Aufgabenverteilung. Chie (sprich: “Tschi-e”) übernimmt vor allem die Erläuterungen, also hat zum großen Teil das Wort, und Kaoly ist fast nur dafür zuständig, als Vortrommlerin ständig als Vergleichs- und Vorbild optisch präsent zu sein. Chie konzentriert sich also ganz auf die Sprache, Kaoly ganz auf das Vormachen. Eine interessante Arbeitsteilung, die einen ganz anderen Unterricht als üblich ermöglicht. Beeindruckend, aber auch von jemandem wie Kaoly durchaus zu erwarten, daß Kaoly als stärkste Leitfigur und Lehrpersönlichkeit des Dojo ihre Autorität an jemand anderes abgibt und ihm freie Hand lässt.
Was aber typisch für die Chie+Kaoly Rens ist, ist daß es nicht um das Unterrichten eines Stücks, bestimmter Rhythmen oder ähnlicher Dinge geht, sondern aussschließlich um das Feintuning der Bewegungen in ganz einfachen kurzen Rhythmuselementen. Am Donnerstag wurde also über fast 3 Stunden hinweg nur der Grundrhythmus gespielt, und das über 2 Stunden lang auch nur in einem immer gleichen, sehr langsamen Tempo. Immer wieder wurde das unterbrochen von Erläuterungen sehr bildlicher Art, die einen anregten, immer wieder in den eigenen Körper hineinzufühlen und die Bewegungen zu justieren und zu verfeinern.
Schon am Dienstag hatte es eine Übung gegeben die eigentlich das Stück T3 zum Inhalt hatte. Dieses Stück hat einen sehr anspruchsvollen Grundrhythmus-Part, den “erweiterten Grundrhythmus”, der über 5 verschiedene 2-taktige Phrasen geht und viele Akzente und Wechsel von der Shime zur Oke beinhaltet. Ich ging also am Dienstag zum Tawoo Dojo in der Erwartung, zumindest eine dieser 2-taktigen Phrasen zu spielen. Aber dem war nicht so, es wurden nur 3 Schläge aus einer Phrase entnommen und unentwegt über die ganze Zeit geübt. In verschiedenen Tempi zwar, und mit dem dazugehörigen Oke-Part auf der anderen Seite des Raums, aber trotzdem blieb es nur bei diesen 3 Schlägen.
Ich bin was solche Übungen angeht relativ schwach, denn sie fordern mich auf einer ganz anderen Ebene, als mir eigentlich am ehesten liegt. Nur der Vollständigkeit halber, natürlich gibt es im Tawoo Dojo auch Übungen, in denen viele unterschiedliche Parts und vor allem ganze Stücke geübt werden, aber diese ganz reduzierten Übung gibt es eben auch.
Was also zuerst einmal bei mir auftritt, wenn ich einen Grundrhythmus über so lange Zeit in so einem langsamen Tempo spielen muss, der mich musikalisch erstmal nicht herausfordert ist ein Gefühl von Unterforderung bzw. Langeweile. Der Kopf hat dann drei Möglichkeiten damit umzugehen:
1. Man denkt an Dinge, die mit dem Trommeln überhaupt nichts zu tun haben, der Kopf beschäftigt sich selbst. Man schmiedet vielleicht Pläne was man noch einkaufen möchte oder denkt an die komischsten Sachen, nur nicht ans Trommeln.
2. Man ärgert sich über die unweigerliche Konsequenz und Zielgerichtetheit der Lehrer und vor allem über die eigene Unfähigkeit damit umzugehen. “Warum muss ich immer meinen Spieltrieb ausleben, warum kann ich mich nicht mal richtig gut auf diese drei Schläge konzentrieren?”
3. Man bemerkt irgendwann (meist nachdem man Phase 1. und 2. durchlaufen hat), daß das sich Auflehnen, das Ärgern keinen Sinn hat und gibt auf. Und in diesem Moment schaltet man den Kopf ab und trommelt nur noch. Man fühlt, trommelt, beobachtet, trommelt und fühlt sich plötzlich wohl dabei.
Und dann endlich erfüllt die Übung auch ihren Zweck. Denn der Kopf ist ersteinmal abgeschaltet und man lernt vielmehr mit dem Körper bzw. mit der Intuition. Wenn dann die Übung so lange durchgezogen wird wie im Tawoo Dojo, dann geht sie wirklich in die Tiefe. Hätte man diesen Grundrhythmus für nur 20 Minuten gespielt, wäre dabei längst nicht so viel passiert, wie in diesen fast 3 Stunden. Die Zeit macht den Unterschied.
So viele Dinge die wir tun, machen wir ja sehr oberflächlich und nur auf Effizienz bzw. ein bestimmtes Ziel ausgerichtet. Dabei erfahren wir das was wir tun aber auch nur sehr oberflächlich, ohne daß wirklich etwas als tiefsitzende Erfahrung dabei hängenbleibt.
Wenn die Japaner wie beim Kyudo (jap. Bogenschießen) oder bei der Teezeremonie eine bestimmte Handlung immer wieder in Wiederholung durchführen, dann hat daß das Ziel, einen gewissen Geisteszustand absoluter Konzentration und Hingabe zu erlangen. Und nebenbei perfektioniert man natürlich auch diese Bewegungsabläufe. Insofern hat mich die Tawoo-Übung am Donnerstag doch sehr an das japanische Bogenschießen erinnert. Sicher nicht ganz so rituell und still, aber trotzdem voller Konzentration und Selbstbeobachtung.
Wenn man es natürlich als Westler nicht besonders gewohnt ist, Abläufe in ständiger und unermüdlicher Wiederholung zu festigen bzw. zu verfeinern, dann fällt es einem erstmal vor allem geistig schwer, diesen Zustand der Unabgelenktheit zu erreichen. Hat man aber diese erste Phase Überwunden, stellt eine solche Übung einen großen persönlichen Zugewinn dar.
Anhang:
An dieser Stelle eine Erklärung warum ich am Liebsten den Begriff “Übung” für normale Taiko-Übungsstunden, die nicht speziell auf einen Auftritt hin ausgerichtet sind verwende. Wenn man einen passenden Begriff für einen solchen Unterricht sucht, passen die folgenden deutschen Begriffe nicht wirklich gut:
Training: Deutet auf Sport hin, was daher nicht zu meiner musikalischen Auffassung von Taiko passt, obwohl das Taiko natürlich viel “sportlichen” Einsatz erfordert und der Schweiß ähnlich wie im Sport fliesst.
Probe: Ist das Gegenstück zum Training, eben nur für die Musik. Probe ist mir auch ein wenig zu speziell, daher verwende ich es für konkret auf Auftritte hin ausgerichtete Zusammenkünfte von Trommlern.
Unterricht: Ja, Unterricht ist auch immer mit dabei, aber das blendet ein wenig den eigenen Übungsanteil aus, den jeder Schüler miteinbringen muss.
Workshop: Ich habe mir angewöhnt, diesen Begriff für in größeren Abständen stattfindende Termine meist ausserhalb des Kion Dojos in Hamburg zu verwenden. Das wird der sonstigen Verwendung von “Workshop” am ehesten gerecht.
Daher…
Übung: Trifft am besten die Übersetzung vom japanischen “Renshuu” und bezeichnet sehr gut die Tatsache, daß es in den Übungen vor allem um das Üben geht, das Wiederholen und Vertiefen von Trommeltechniken und grundlegenden Rhythmen. Auch im englischen wäre der entsprechende Begriff “practice”, im Gegensatz zur “rehearsal” als Probe.