Zum Thema Selbstvertrauen

Gestern war die erste Tawoo-Übung meiner diesjährigen Japan-Reise unter der Leitung von Kaoly Asano. Wenn ich nun direkt von den letzten Unterrichtsstunden die ich in Hamburg selbst gegeben habe zu den Tawoo-Übungen komme, fallen mir die Unterschiede natürlich besonders deutlich auf.

Und was mir auffiel war, daß sich im Tawoo Dojo auch Schüler die noch gar nicht so lange Taiko spielen, an recht schwierige und anspruchsvolle Parts heranwagen. Und das tun sie mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und überhaupt nicht mit Angst oder übermäßigem Respekt vor den technisch und geistig herausfordernden Rhythmen.

Nochmal zur Erklärung: Im Tawoo Dojo können sich die Schüler bei normalen, nicht speziell auf Auftritte ausgerichteten Übungsstunden in aller Regel die Parts selbst aussuchen, die sie üben möchten. Es sei denn sie sind noch in der Anfängerphase, wo sie noch stärker an die Hand genommen und von Assistentinnen (meistens andere Mitglieder von Gocoo oder fortgeschrittenere Tawoo-Mitglieder) angeleitet und eingewiesen werden. Und oft werden verschiedene Stimmen aus einem Stück gleichzeitig geübt, wodurch es immer eine gewisse Auswahl gibt.

Also wie kommt es, daß die Schüler des Tawoo Dojo so viel Mut und Selbstvertrauen entwickeln?

Meine Antwort: Man traut es ihnen zu!

Kaoly hat die besondere Fähigkeit Menschen Vertrauen bzw. Zutrauen zu vermitteln. Wenn sie das Selbstvertrauen, über das sie in rohen Massen verfügt ausstrahlt und dazu mit Mut und Zuversicht handelt, hat man als Schüler kaum eine andere Wahl, als ebenso mutig und zuversichtlich zu werden. Sie schafft also ein Atmosphäre in der Dinge möglich werden, die die wenigsten vorher für möglich gehalten haben.

“The Sky is the limit” oder so ähnlich. Die Grenzen auf die man stösst befinden sich im Kopf und nirgendwo anders. Was man schaffen kann wird nicht oder in nur geringem Maße von äußeren Bedingungen und Ereignissen bestimmt, sondern hängt von dem ab, was man sich selbst zutraut bzw. vorstellen kann. Das klingt ein bisschen wie ein typisch amerikanischer Motivationstrainer (nach dem Motto vom Tellerwäscher zum Millionär), aber ich muss neben den Japanern auch den Amerikanern anerkennen, daß sie sehr gut verstanden haben, was die innere Einstellung beim verwirklichen von Träumen ausmacht. Wir Deutschen… na ja, wir haben halt immer einen guten Grund dafür, warum etwas nicht geht.

Denke ich an den Kion Dojo, so fällt mir auf, daß viele Schüler obwohl sie teilweise schon einige Jahre mit dabei sind, sich sehr dabei zurückhalten, wenn es darum geht, einen neuen Part eines Stücks zu lernen den sie vorher noch nicht gespielt haben. Manchmal wundern sie sich dann, daß ich sage, “los, versuch den Rhythmus mal”. Und oft, wenn sie es dann probieren, sind sie (und ich auch) überrascht, daß sie den Rhythmus doch schon ganz gut spielen können.

In solch einer Gruppe wie unter Taiko-Schülern kommt es eben auf die vorherrschende Meinung an. Diese vorherrschende Meinung beeinflusst die Denkweise der Einzelnen und auch die Einzelnen prägen wieder die vorherrschende Meinung. Also wenn man es schafft, daß Einzelne ihre Denkweise hin zu mehr Mut und Selbstvertrauen ändern, besteht eine gute Chance, daß diese Denkweise zur Denkweise der Mehrheit wird und damit auch zur vorherrschenden Meinung.

Nun muss man dazu auch sagen, daß in Japan natürlich eine andere Kultur herrscht. Diese Kultur hat vergleichbar mit der Stärke der Samurai oder der eines (vielleicht klischeehaften) Meisters der Kampfkunst die Besonderheit, daß Tapferkeit, Mut, Einsatzwillen und Anstrengung eine große Rolle spielen. Das Wort Leistung ist in Japan keineswegs so negativ besetzt wie zum großen Teil in Deutschland. Ein sehr bekannter japanischer Ausspruch ist “Ganbare”, auf deutsch etwa “gib alles” oder “streng dich an”. Schon die Schwierigkeit, einen passenden deutschen Begriff, der häufig im Sprachgebrauch ist für “Ganbare” zu finden zeigt, wie wenig Mut und Einsatzwillen und auch Selbstüberwindung in Deutschland zur Mentalität der Kultur gehört. Viel lieber macht man sein Schicksal von äußeren Umständen abhängig, weil das bequemer ist. Daß man (Achtung, leichte Polemik) in Deutschland lieber fleißig demonstriert anstatt zu überlegen, was man selbst zu einer Verbesserung der Umstände beitragen könnte ist da für mich symptomatisch und typisch.

Nun kommt der Einwand: Wir sind keine Japaner, sind nicht in der japanischen Kultur aufgewachsen und können uns entsprechend auch nicht wie Japaner verhalten. Wie oft habe ich das gehört und auch mir selbst diesen Einwand vorgehalten. Natürlich werden wir uns in Deutschland wohl niemals im Businessanzug früh morgens diszipliniert in eine Bahn quetschen, um uns dann bei der Arbeit mit zahlreichen unbezahlten Überstunden und literweise Schweiß für das Wohlergehen der Firma und der eigenen Wirtschaftsnation einzusetzen. Die Liebe zur Freizeit nimmt den Deutschen niemand.

Aber Mut und Selbstvertrauen sowie Einsatzfreude sind in Deutschland wohl wie noch nie gefragt und werden auch dringend gebraucht. Und um diese Eigenschaften zu entwickeln brauchen wir keine Japaner zu werden. Zu sagen: “Das kann ich nicht weil ich kein Japaner bin” ist in diesem Fall ein billige Ausrede (aus Mangel an Selbstvertrauen).

Beim Taiko sind die Grenzen dessen was man lernen und entwickeln kann daher nicht durch den Lehrer, die eigene Vorerfahrung, die Gene oder sonstige Umstände begrenzt, sondern in allererster Linie durch die eigene Vorstellungskraft. Auch der Taiko-Lehrer hat in diesem Sinne eine große Verantwortung, eine Atmosphäre der Möglichkeiten zu schaffen und nicht eine der Unmöglichkeiten.

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